2.11.3 Fazit
Einige konstruktive Auswege aus der Not der sich zunehmend verschließenden Gesellschaft sollen hier am Schluss dieses Teils gezeigt werden. Eine Gesellschaft verändert sich, wie gesehen, wenn eine (auch heterogene) Gruppe eine Sonderrolle innehat. Werner Pirker spricht in der jungen Welt gar von einer "andauernden Sonderrolle, die Israel eingeräumt wird und es in seiner Aggressivität ermutigt." (jW 08.11.03, Wochenendbeilage, "Annulliertes Umfrageergebnis"). Für diesen Bereich hat Michael Schneider ein umfangreiches und gutes Fazit:
"Dass die Israelis wie auch die in Deutschland lebenden Juden besonders empfindlich auf jegliche Form des Antisemitismus reagieren, ist aus historischen Gründen nachvollziehbar. Doch die Behauptung, mit der sich als erster Henrik M. Broder hervortat und die seither zum Standard-Argument vieler deutscher Publizisten gehört, dass der 'linke Antisemitismus' heute das Gewand des Antizionismus angelegt habe, ist eine böswillige Unterstellung und politisch kontraproduktiv, weil damit die öffentliche Debatte um die Palästinenser-Politik Israels von vornherein blockiert und zum Tabu erklärt wird. (...) Der unvermeidliche Beifall von der falschen Seite entledigt nicht der politischen Pflicht, die gebotene Auseinandersetzung mit der zionistischen Ideologie, die den historischen Anspruch Israels auf Judäa und Samaria - sprich: auf die besetzten Gebiete - aus dem Alten Testament ableitet, öffentlich zu führen, und dies auch in Deutschland. Hier setzt eine längst verinnerlichte Denkblockade ein. Bekanntlich leiden nicht nur die Kinder und Nachfahren der Holocaust-Opfer an einem Verfolgungstrauma, das ihnen gleichsam reflexhaft gebietet, jedwede Kritik an der Politik des Staates Israels als Infragestellung seiner Existenz zu deuten und diese sogleich als 'antisemitisch' oder 'antijudäisch' zu verdächtigen; auch die Kinder der Tätergeneration leiden offenbar an einem Schuldkomplex, den sie durch einen moralisch unanfechtbaren Philosemitismus und eine hundertprozentige Identifikation mit dem Staate Israel zu kompensieren suchen. (...) Auch waren - und sind es immer wieder - namhafte jüdische Philosophen, Historiker und Schriftsteller, die den Zionismus als nationalistische Ideologie und Staatsform vehement kritisieren. So hat der jüdische Philosoph Ernst Tugendhat für Die Zeit vom 22. Februar 1991 (Der Golfkrieg, Deutschland und Israel) die Deutschen nachdrücklich davor gewarnt, den Argumenten des offiziellen Israel blindlings zu folgen. Seine Hauptthese ist, dass die Deutschen ihre historische Schuld an den Juden nicht bewusst und nicht rational aufgearbeitet haben und dass sie deshalb auch vor den Forderungen des zionistischen Staates, die nicht mit dem Interesse des jüdischen Volkes an guter Nachbarschaft mit den arabischen Völkern identisch sind, fast automatisch 'einknicken'. 'Wird die Schuld, die man empfindet, nicht bewusst aufgearbeitet ..., dann hat das zur Folge, dass man sich zu seinem Gegenüber so verhält, dass man alles tut, was er glaubt, was man zu tun hätte. Man gibt also die Autonomie des eigenen Urteilens preis, und das Gegenüber hat so die Chance, die eigene Schuld zu manipulieren. Es gibt Menschen und auch Staaten, die auf dem irrationalen Schuldgefühl eines anderen virtuos wie auf einem Klavier spielen können. So tun es auch die Israelis mit den Deutschen.' Hätte ein nicht-jüdischer Deutscher diese Sätze geschrieben, man hätte gewiss nicht gezögert, ihn mit der bewährten Keule des 'linken Antisemitismus' zum Verstummen zu bringen." (Michael Schneider, Freitag, 26.09.03 "Seit wann ist Okkupation zu relativieren?" Zwischenüberschrift: "Jüdischer Staat und deutscher Philosemitismus")
Brian Klug, Gründungsmitglied des Jüdischen Forums für Gerechtigkeit und Menschenrechte und Philosophie-Professor in Oxford spricht sich für eine allumfassende Verurteilung von Rassismus ohne Unterschied aus:
"We should unite in rejecting racism in all its forms: the Islamophobia that demonises Muslims, as well as the anti-semitic discourse that can infect anti-Zionism and poison the political debate. However, people of goodwill can disagree politically - even to the extent of arguing over Israel's future as a Jewish state. Equating anti-Zionism with anti-semitism can also, in its own way, poison the political debate." ("No, anti-Zionism is not anti-semitism", Brian Klug, The Guardian, 03.12.03)
Auch der Ansatz von Moshe Zimmermann - Leiter des "Richard Koebner Center for German History" an der Hebräischen Universität in Jerusalem - ist progressiv: eine situationsorientierte Aufarbeitung der historischen Knackpunkte. Dazu gehört auch die Gründung Israels und die Hinterfragung der Mythen, die diese Staatsgründung betreffen:3
"Auch wenn man die Massenauswanderung von Juden aus arabischen Ländern als Flucht und Vertreibung versteht, könnte man die kontrafaktische Frage stellen, ob diese Vertreibung stattgefunden hätte, wenn der Staat Israel nicht gegründet worden, wenn der Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten ausgeblieben wäre. Wären Juden in arabischen Ländern ohne eine aktive zionistische Intervention motiviert gewesen, Hab und Gut aufzugeben und auszuwandern? Die Debatte kann also nur angesichts des historischen Kontexts - der Gründung des Staates Israel - sinnvoll geführt werden." (SZ 30.07.03, Feuilleton, "In Deutschland wie in Nahost. Vertreibungen und Aufrechnung", Moshe Zimmermann)
Selbiges gilt selbstverständlich für alle beteiligten Seiten und alle beteiligten Vorurteile und Wertungen. Daher ist es auch nicht notwendig, darüber zu diskutieren, ob Kritik an islamischen Positionen oder arabischer Politik legitim ist. Die Legitimation der Kritik ergibt sich immer aus der gegebenen Situation und ist prinzipiell unabhängig von der Stellung von Personen und Gruppen. Es muss jedoch ein Maß für alle geben, sonst wird keine einzige unserer Bewertungen legitim sein. Als ein mögliches Fazit für die Ursachen von Gewalt in muslimischen Gesellschaften hier ein Zitat von Sabine Damir-Geilsdorf:
"Es gibt viele Ursachen für islamisch legitimierte Gewalt, sicherlich liegen sie aber nicht in einer strukturell Gewalt fördernden Beschaffenheit des Islam. Die Ideologisierung und Instrumentalisierung des Islam und des islamischen Märtyrerkonzepts für politische Zwecke beruht vor allem auf der Verweigerung grundlegender Rechte, gravierenden sozialen Ungleichheiten, der Unterdrückung gewaltfreier Oppositionsmöglichkeiten und dem Gefühl politischer Handlungsunfähigkeit. Konfrontative westliche Denkansätze und eine aggressive Politik, die keine wirkliche Demokratisierung der Staaten im Nahen Osten erreichen will, verstärken das bei militanten Gruppierungen dominant gewordene Denken in Feindbildkonstruktionen. Wie sich die islamischen Märtyerkonzepte weiterentwickeln, hängt daher wesentlich von den politischen Entwicklungen in den betreffenden Regionen ab." (FR 12.08.03, "Die Schwäche in Stärke verwandeln. Selbstmordattentate sind ein modernes Phänomen: Wandel und Erweiterungen des islamischen Märtyrerbegriffs", Sabine Damir-Geilsdorf)
Ein weiteres Fazit betrifft die Verständigung und Verständigungsbereitschaft innerhalb des Diskurses, damit er nicht zu einem reinem Sanktions-Diskurs wird. Repräsentant einer progressiven Dialogkultur oder Streitkultur ist der Fernsehjournalist Gordian Troeller, der bekannt ist für seine Reportagen von anderen Ländern und fremden Kulturen. Troeller hatte es bereits mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, Menschen, die eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur haben, andere Besitzverhältnisse und so weiter. In der Fernsehsendung über ihn, "Zwischen allen Stühlen auf dem richtigen Platz" (NDR, 26.04.03, 23.30), erklärt er das Vertrauensverhältnis, das er mit anderen Menschen aufbauen kann, unter anderem damit, dass er mit seinem fremden Gegenüber scherzend streiten kann. Wenn man sich die jeweiligen Vorurteile gegenseitig zuruft und sich dabei ständig einer Ironie gewärtig ist, lernt man sich kennen und kann einander einschätzen.
Von einem harten Kulturdialog zwischen deutscher Landbevölkerung und Muslimen berichtet zum Beispiel der Soziologe Jörg Hüttermann. Dabei geht es im Kern nicht um die "Härte" der Diskussion (Also nicht: Medizin muss bitter schmecken), sondern darum, Konflikte und Vorurteile durch ihr Aussprechen zu manifestieren, um sie zu überwinden:
"Gleich zu Beginn der ersten Versammlung hat jemand gesagt: 'Wir hätten euch auch ins Gas schicken sollen.' Das zumindest war ein Fuchteln mit dem Speer. Zum Glück hat der Bürgermeister rettend eingegriffen, und der Mann ist von der gesamten Nachbarschaft mit geballtem Missmut bedacht worden, sodass er gehen musste. Er ist nicht zurückgekehrt. Das war aus zwei Gründen eine wichtige Erfahrung. Erstens haben die Muslime gemerkt, dass die Alteingesessenen solche Leute nicht in ihren Reihen dulden. Und umgekehrt war die Nachbarschaft sehr beeindruckt, wie die Muslime die Fassung bewahrt haben. Die Muslime hätten alles Recht gehabt, beleidigt zu gehen, und haben es nicht getan. Das hat ihnen Respekt eingebracht." (taz, 04.11.03, S. 15, "'Fuchteln, schimpfen und spucken'. Wenn Muslime in Deutschland eine Moschee bauen wollen, ist eines gewiss: Ärger mit den Nachbarn. Gar nicht so schlimm, findet der Bielefelder Soziologe Jörg Hüttermann: Erst wenn die Kulturen hart aufeinander prallen, entsteht ein fruchtbarer Austausch", Interview Mareke Aden)
Für ein aus der gesamten Studie hergeleitetes, strukturiertes Fazit in Form einer Zusammenfassung der Themen, Ergebnisse und Folgerungen siehe den Schlussteil 4. Im folgenden Teil 3 geht es um Attac und den Antisemitismusvorwurf.
Anschluss Teil 3