home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   palestine   my journalism   essays
ESSAY 14 / Teil 2.11
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
Zurück zur Übersicht

2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 2.10
- Teil 2.11 Demokratiekritik -

2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen

Nach der kritischen Betrachtung vieldeutiger Begriffe wie "Antisemitismus", "Rechts" oder "Terrorismus" wurde oben argumentiert, dass abstrakte Begriffe im Diskurs vorgeschoben werden (können), um so - sei es bewusst oder unbewusst - eine konstruktive Aufarbeitung von Vergangenheit und Gegenwart zu verhindern. An die Stelle der Diskussion tritt dann das Tabu und man braucht einen Sündenbock, dem man die eigene mangelnde Konfrontation und nicht wahrgenommene Verantwortung anlasten kann.1 Es entwickelt sich eine Obrigkeit, die die Rollen vorgibt. Die Ausdrucksformen der Verdachtgesellschaft sind angstfixiert und nehmen mit der Zeit repressive Merkmale an, wie unter Punkt 2.8 ausgeführt wurde. Der gravierendste Gegenvorwurf zum Antisemitismusvorwurf betrifft also das demokratische Verständnis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, geht also weit über den Antisemitismusvorwurf hinaus. So muss ernsthaft auf die Gefahren der Verdachtgesellschaft hingewiesen werden, die zu einer Blockierung der Kommunikation und zu einer Begünstigung von autoritären Strukturen, zu Gewalt und zu Feindbildern führen können. Robert Misik schrieb dazu:

"Bitte (...) schnell aufhören mit einer Hermeneutik des Verdachts, die Antisemitismus auch bei politischen Haltungen zu wittern versucht, über die sich wenig Nachteiligeres sagen lässt als das: dass sie dem, der den Verdacht ausspricht, nicht passen." (taz 06.12.03, S.11, "Die Logik des Verdachts. Unter den Globalisierungskritikern blühe der Antisemitismus - so lautet die neue Mär, die man sich im Debattenzirkus erzählt. Klingt spannend, ist allerdings blanker Unsinn", Robert Misik)

In den Tagesthemen (ARD) wurden zum Beispiel Kritik an der Regierung sowie die Art, mit der Kritik hervorgebracht werden darf, durch einen Schwenk unmittelbar mit dem Antisemitismusvorwurf gekoppelt:

"Tabubrüche und Regelverstöße wollen sowohl Jürgen Möllemann als auch Guido Westerwelle nutzen, um aus der FDP eine Protestpartei zu machen. Wogegen sie protestieren, das haben sie inhaltlich noch nicht mitgeteilt, aber Möllemann führt die Art und Weise des Protestes vor. Den Kanzler nennt er Knilch, Scharping eine Gurke, und die Regierung eine Pfeifentruppe. Alt-Bundespräsident Roman Herzog hat dies erbost, weshalb der Unionspolitiker im Sinne des demokratischen Grundkonsenses erklärt: 'Ich will nicht, dass über die Regierung meines Landes so gesprochen wird.' Doch ausgewogen, gerade das ist sie nicht, die Sprache des Protestes. Wohin das führen kann, untersucht Joachim Wagner:..." Es folgt ein Bericht von Joachim Wagner über Susanne Thaler, die Mitglied des Bundesvorstandes war und die aus der FDP ausgetreten ist und Möllemann kritisiert, weil er rechte Stimmen "abgrast". Wagner: "Nach ihrer Auffassung hat die Debatte um Möllemann und Karsli tiefe Spuren in den jüdischen Gemeinden hinterlassen, und die Hemmschwelle für antisemitische Äußerungen gesenkt. Durch kalkulierte Tabubrüche. Thaler: "Das Schlimmste ist, dass dieser schreckliche Satz sich so verselbstständigt hat: Man wird ja schließlich, man wird ja schließlich wohl noch... dürfen, man wird ja wohl schließlich noch Israel kritisieren dürfen. Die Infamie, ein solches Tabu aufgebaut zu haben, das eben nicht nur Möllemann, sondern auch Westerwelle bedient hat, das ist gar nicht mehr zurückzudrehen." Danach sagte Herr Clement, dass Karsli zum "Unfrieden" beiträgt, weil er anti-israelisches, anti-semitisches und anti-jüdisches Gedankengut verbreitet hätte. "Das wollen wir in diesem Land nicht." Vom Ausland hätte man noch keine Kritik gehört, so ging es im Bericht weiter, aber wer wisse schon, ob sich das nicht ändern kann. (Ulrich Wickert, ARD Tagesthemen 06.06.02)

Ulrich Wickerts Logik ist: Erst nennt Möllemann die Regierung (ob zu Recht oder zu Unrecht) eine Pfeifentruppe, dann folgen die tiefen Spuren in der jüdischen Gemeinde. Um also, so weiterhin Wickerts Logik, dem Antisemitismus aus dem Weg zu gehen, soll oder darf man "nicht so" (Herzog) über die Regierung sprechen und man soll oder darf keine Tabus brechen bzw. gegen Regeln verstoßen. Das heiße "demokratischer Grundkonsens". Passend dazu schrieb die Zeit am 30.05.02, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der man des Haiderismus verdächtigt werden kann, wenn man nur den herkömmlichen politischen Diskurs verachtet (S.2). Mittlerweile verändert sich schon das Geschichtsbild wegen Antisemitismus. Die 68er-Bewegung etwa wird rückblickend kritischer gesehen, nicht nur von Joseph Fischer, sondern auch von der Zeit:

"Die Studentenbewegung von 1968, deren Protagonisten so gern von Demokratie und Aufklärung sprachen, unterbrach den Prozess öffentlicher Aufklärung in der alten Bundesrepublik eher, als dass sie ihn förderte. Sie rückte den Nationalsozialismus ins Schema einer besserwisserischen und faktenfreien Kapitalismus- und Faschimuskritik, die ohne die Erwähnung 'Auschwitz' auskam und sich de facto, bei allem antiautoritären und antirevisionistischen Gehabe, mit der antifaschistischen Amtskirche der DDR gut ergänzte. Das gilt auch in einem zweiten Punkt: Die schnell dogmatisierte Achtundsechzigerbewegung entdeckte bald den 'Antizionismus' - Israel als imperialistisches Bollwerk im Kampf gegen die allgemeine und besonders die palästinensische Volksbefreiung. Der Antizionismus war ursprünglich eine innerjüdische Angelegenheit gewesen, heute tritt er als beliebte Variante des Antisemitismus in Erscheinung." (ZEIT 06.06.02, S.24, "Was ist Antisemitismus?" Götz Aly)

Es hat sich eine selbsternannte "Elite" gebildet (siehe Zitat unten), die das durchweg positiv beschriebene "Antisemitismus-Tabu" durch Sanktionen wahrt und sich "erwachsen" nennt:

"Diese Fälle zeigen, dass eine alte Forderung der Linken offenbar Wirklichkeit geworden ist: nämlich die nicht nur rhetorische, sondern mit Sanktionen belegte Tabuisierung antisemitischer Regungen. Das Antisemitismus-Tabu ist nicht neu. Die Alliierten haben es in den 50ern gegen eine widerstrebende deutsche Öffentlichkeit durchgesetzt. Neu ist, dass es so gut funktioniert. (...) Diese Entwicklung ist mehr als moralischer Gewinn. Eine Elite, die über ein funktionstüchtiges Immunsystem gegen Antisemitismus und Geschichtsklitterungen verfügt, streut keine versteckten Botschaften aus, die andere drastisch umsetzen. (...) Noch etwas ist neu: Der bange Blick deutscher Politiker auf die 'US-Ostküste' scheint zu verschwinden. Die Delegation des eigenen Gewissens an das 'Ausland' ist ein Auslaufmodell. Die hiesige Elite scheint ihr Überich nicht mehr zu exterritorialisieren und auf Protestnoten des American Jewish Committee angewiesen zu sein, um zu verstehen, wo es langgeht. Sie ist erwachsener geworden. Kurzum: All das ist eine überfällige Anhebung des Niveaus der politischen Kultur - allerdings ist es kein Zufall, dass dies jetzt geschieht. Die wirksame, lückenlose Tabuisierung antijüdischer Klischees ist nicht zufällig in dem Augenblick durchsetzbar, in dem die von der NS-Zeit geprägte politische Generation endgültig abgetreten ist. Es ist ein Sieg - aber über einen Gegner, der die Bühne verlassen hat. Ein Sieg, der nicht viel kostet." (taz 27.1.04, S. 12, "Das Wunder von Essen. Das bundesrepublikanische Bild der Nazizeit verändert sich - langsam, aber stetig. Das Antisemitismus-Tabu funktioniert. Kulturell hingegen pluralisiert sich das Gedächtnis", Stefan Reinecke)

Auch das Zitat: "In den Geschichtserzählungen dürfen Deutsche Opfer sein, - politisch scheint das Antisemitismus-Tabu endlich zu wirken" aus demselben Kommentar zeigt, dass es weiteren Diskussionsbedarf gibt.

Die Angst, bei angemessener Kritik an Israels Politik eine Büchse der Pandora zu öffnen, hat zu tun mit befürchteten Entfesselungen, die außer Kontrolle geraten und zu bösartigen Hirngespinsten werden, wenn man das Bewusstsein schweigender Mehrheiten anspricht, so Jan Ross in der ZEIT am 30.05.02, S.33, "Was ist politisch korrekt?" Die Unterdrückung von Diskursen mit allen repressiven Maßnahmen, die das mit sich bringt, ist von einigen Wenigen gewollt. Warum werden diese Ängste nicht hinterfragt und überwunden?

Inzwischen wünschen sich Teile der Gesellschaft einen "starken Mann" bzw. eine starke Armee, auch wenn dies mit einem gewissen Maß an Unrecht verbunden ist. Dies ist eine Gefahr, die wegen des tabuisierten Nazivergleichs nicht hinlänglich analysiert wird. Die Presse ist da nicht ausgenommen. Der taz-Inlandsressortleiter Ralph Bollmann schrieb am 30.08.03 mit Verweis auf das untergegangene Rom:

"Nachdenklichen Kritikern der Bush-Administration dämmert endlich, dass den Europäern an einem Kontinuum amerikanischer Hegemonie gelegen sein muss. Nur die Dominanz der USA garantiert, dass die bestehenden Konflikte regional begrenzt bleiben - ob in Liberia, Ruanda oder im Nahen Osten." Der Artikel endet mit: "Eines können die Europäer aber auf absehbare Zeit nicht ändern: Sie werden die Amerikaner kaum überzeugen, dass alle Welt bei der Wahl des US-Präsidenten mitreden darf. Aber vielleicht ist diese Personalentscheidung in der ältesten Demokratie der Welt auch besser aufgehoben als bei einer Weltgemeinschaft, in deren Parlament - der UN-Vollversammlung - überwiegend Diktatoren sitzen. Auch im alten Rom dauerte es lang, ehe auch die Bewohner der Provinzen das Bürgerrecht erhielten. Profitiert haben sie von den Segnungen der Pax Romana trotzdem." (taz Magazin, S. III, , "Bedenkenloser Hochmut. Europas Solidarität mit den USA nach dem 11. September 2001 war eine durchaus brüchige. Nicht erst seit den Friedensdemos im Frühjahr übt sich der alte Kontinent im klassischen Hass auf Amerika")

Auch in der Welt, im Tagesspiegel und in anderen Zeitungen fanden sich solche Töne, bei Frau Merkel und bei diversen Fernseh- und Radio-Kommentatoren. Während des Afghanistankriegs und zu Beginn des Irakkriegs konnte man das recht gut beobachten. Mit dem Irakkrieg änderte sich einiges, aber dann auch wieder nicht. Die konservativen Kieler Nachrichten hatten zeitweise zu Beginn des Irakkriegs mit den USA Probleme. Der Spitzensatz war: "Die Amerikaner haben schon immer ihre eigenen Interessen über die Mehrheitsmeinung der UN gestellt und zum Beispiel fällige Verurteilungen Israels regelmäßig verhindert." (KN 17.03.03, S.2, "Zum Azoren-Gipfel: Countdown für den Krieg"). Er macht klar machen, dass die Gesellschaft keineswegs zufrieden ist mit den "starken Männern", doch ruderte die Redaktion dann zurück. Ähnlich der Politiker Egon Bahr (SPD), der sehr lang und ohne Ironie in der FAZ am 10.12.03 über das Thema schrieb: "Amerika führt den Krieg, Europa sichert den Frieden", nachdem er am 10.03.03 in der taz noch getönt hatte: "Wir machen Krieg nicht mit" (S. 5, Interview Bernd Pickert und Eric Chauvistré). Hier muss sich Deutschland wirklich überlegen, ob es noch einmal die Geschichte mit dem Gehorsam gegenüber gewalttätigen Politikern durchspielen möchte.

Die Semitismus/Nahost-Debatte mit ihrer Parallele, der Anti-Amerikanismus-Debatte, wirkt sich also auf verschiedenen politischen Ebenen aus. Wenn autoritäre und repressive Strukturen in Fragen der Weltpolitik akzeptiert werden, können andere darauf verweisen und ihre eigenen autoritären und repressiven Strukturen durchsetzen, in den Familien angefangen. Wenn die Palästinenser kein Menschenrecht haben, dann kann es auch andere geben, die kein Menschenrecht haben. Das geht schnell.

2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten

Eine der Hauptschwachstellen des Demokratieverständnisses in der deutschen und der internationalen Gesellschaft ist ein generell zu beobachtendes mangelndes Outgroup-Verhalten, wie unter Punkt 2.7 bereits diskutiert wurde. Überall da, wo die eigenen Werte eine alternative Gesellschaftsordnung nicht zulassen, ist diese Kritik angebracht. Dies betrifft missionarische und dogmatische Muslime, Christen und Juden gleichermaßen, ebenso wie es solche "Demokraten" betrifft, die es prinzipiell nicht akzeptieren können, wenn andere Gesellschaften keine grundsätzlich ähnliche Gesellschaftsform aufweisen. Die fundamentale Frage in diesem Zusammenhang ist, wie Gruppen mit ihren Ängsten umgehen, ob mit Ausgrenzung und also fehlendem Outgroup-Verhalten oder mit konstruktiver Auseinandersetzung und der Absicht, einen der gesamten Situation entsprechenden Frieden zu erreichen und zu halten.

Für mangelndes Outgroup-Verhalten im Islamverständnis der deutschen Gesellschaft sprechen zum Beispiel die Versuche, einen "Euro-Islam" einzurichten. Die Idee erscheint auf den ersten Blick und im Prinzip nicht abwegig, bilden doch die Muslime in Europa durchaus verschiedene Subkulturen mit spezifischen Prägungen der Lebensart, die das mit sich bringt. Im Diskurs jedoch steht der Begriff "Euro-Islam" für einen von Außen gezähmten, kontrollierten Islam. Der Begriff wurde wohl von dem Politologen Professor Bassam Tibi aus Göttingen eingebracht (siehe z.B. ZEIT, 30.05.02, S.9) und von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse aufgegriffen. Es gab auch eine Konferenz der Bundeszentrale für politische Bildung für Islamwissenschaftler, zivilgesellschaftliche Initiativen und Journalisten über die Chancen und Perspektiven für eine Öffnung des Islam hin zu einem Bestandteil einer multireligiösen demokratischen Gesellschaft, vor allem in Europa. Titel: "Realitäten und Perspektiven eines ‚europäisch' geprägten Islam" (Brühl, 10.06.-13.06.03).

In der Argumentation eines FAZ-Artikels des Nahost-Journalisten Wolfgang Günter Lerch zeigt sich, dass sich unter der Oberfläche eine Debatte um Säkularismus verbirgt: "Der Ruf nach dem Entstehen eines Euro-Islams heißt, die Frage nach der Säkularisierung zu stellen." ("Schlachtung als Religion", FAZ 24.01.02). Der Untertitel des Artikels zeigt die ungefähre Richtung der Botschaft: "Von der Schwierigkeit der Muslime, den Säkularismus zu verstehen." In dem Artikel wird eine sprachliche Analyse der Vokabel "la-dini" ("nicht religiös") als Übersetzung von "säkular" als Indiz verwendet, um zu belegen, dass Muslime entweder streng gläubig sind oder aber überhaupt nicht. (Hätte er die Vokabel "'almani" für "weltlich" gewählt, wäre die Argumentation so nicht geglückt.) Dieses "schroffe Entweder-Oder" nun lasse den Islam erstarren: "Das Dazwischen, das heißt die im Säkularismus vorhandenen Abstufungen einer privaten Haltung zur Religion, (...) sind so gut wie unbekannt". Deshalb - so endet Lerch - treffe man in den muslimischen Gesellschaften meistens auf Gläubige "oder aber auf solche, die gar nichts mehr glauben, dies aber nicht sagen" (also Heuchler).

Kulturkampf ist, wenn man die andere Kultur als Alter Ego benutzt, um die Schwächen der eigenen Kultur von sich weg zu projizieren und die eigenen Normen damit aufzuwerten. Der Kulturkampf hat also immer apologetischen Charakter, er zeigt Unsicherheiten auf. Während Herr Lerch in den Muslimen nur Dogmatiker oder Heuchler erkennen kann, präsentiert er den Säkularismus selbst ziemlich dogmatisch, denn er sagt inhaltlich kaum etwas über ihn aus. Hinter dem Artikel steht letztlich die simple Aussage: "Die Anderen sollen so sein wie wir, denn wir sind überlegen, und außerdem haben wir sonst Angst." Das ist gemeint mit der Kritik des fehlenden Outgroup-Verhaltens, das zu einem dualistischen Weltbild und zu Feindbildern führt.

Auch das umstrittene Zentrum gegen Vertreibungen wäre eine Möglichkeit, zu konstruktiven "Frame Restructurings" unterschiedlicher Szenarien zu gelangen. In einem Leserbrief an die taz heißt es dazu:

"Herr Schoeps, Sie schrieben ein Plädoyer für eine europäische Trägerschaft des geplanten 'Zentrums gegen Vertreibungen'. Ich stimme Ihnen ganz zu, dass die Schicksale vertriebener Menschen respektiert werden müssen. Es sind immer auch Kinder und Unschuldige, die betroffen waren und sind. Nicht jeder Fall ist gleich, aber alle sind wichtig. Daher erwähnen Sie die 15 Millionen Opfer deutscher Deportationen und auch Albaner, Armenier, Ukrainer, Weißrussen, Esten, Georgier, Inguschen, Krimtartaren, Polen, Sinti, Roma, Tschetschenen, Zyprioten, Ostpreußen, Schlesier und Sudetendeutsche. Ihre Absicht, einen Gesamtüberblick über die Vertreibungen in Europa in der jüngeren Geschichte herzustellen, ist zu begrüßen, obwohl, nein, gerade weil dies zu Diskussionen führen wird. Natürlich gehören in diesen Diskurs auch palästinensische Vertriebene, die unbestreitbar eine Folge des Zweiten Weltkriegs waren. Wer die vertriebenen Palästinenser in einem solchen Zentrum unberücksichtigt lässt, wird diesem bedeutungsvollen Zusammenhang nicht gerecht und es besteht die Gefahr, dass das Projekt Tabus begünstigt, indem es über bestimmte historische Aspekte schweigt. Daher plädiere ich dafür, im 'Zentrum gegen Vertreibungen' eine Rubrik für die Aufarbeitung der palästinensischen Geschichte einzurichten, im Rahmen des internationalen Diskurses." (taz 09.10.03, S.13, Leserbrief, "Vertriebene Palästinenser. betr.: 'Angst vor dem Tabubruch' von Julius H. Schoeps, taz vom 02.10.03", Anis Hamadeh)

In einem Brief vom 24.10.03 erklärte dem Leserbriefschreiber daraufhin Frau Erika Steinbach MdB, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, dass das "Zentrum gegen Vertreibungen" Palästinenser nicht berücksichtigen werde, weil sonst auch andere nicht-europäische Vertriebene einbezogen werden müssten und dies ins Uferlose führen und die Möglichkeiten überschreiten würde.
2 Dieser Ansatz ist methodologisch fraglich. Er isoliert Europa, grenzt es ab, und spricht ihm gleichsam (fast) jede historische Verantwortung im Outgroup-Bereich ab. Immerhin resultierten die besagten Vertreibungen aus den beiden Weltkriegen und aus anderen Konflikten, und nicht aus dem willkürlichen Umstand, dass sie an bestimmten Orten in Europa oder sonstwo geschehen sind.

Dies sind zwei Beispiele dafür, dass es unserer Gesellschaft schwerfällt, den Anderen anders sein zu lassen und ihn nicht zu kontrollieren oder in Schubladen zu stecken oder von sich zu weisen. Dies ist ein Fehler im System, es ist nicht einfach nur ein Aspekt. Die westlichen Gesellschaften brauchen einen Anderen, einen Feind, das war vor der Demokratie so und ist noch immer so. Ob Indianer, Schwarze, Juden, Kommunisten, Muslime oder Terroristen, immer hat es einen Anderen gegeben, der die Mitglieder der Ingroup erhöht hat, weil er selbst niedriger gemacht wurde.

2.11.3 Fazit

Einige konstruktive Auswege aus der Not der sich zunehmend verschließenden Gesellschaft sollen hier am Schluss dieses Teils gezeigt werden. Eine Gesellschaft verändert sich, wie gesehen, wenn eine (auch heterogene) Gruppe eine Sonderrolle innehat. Werner Pirker spricht in der jungen Welt gar von einer "andauernden Sonderrolle, die Israel eingeräumt wird und es in seiner Aggressivität ermutigt." (jW 08.11.03, Wochenendbeilage, "Annulliertes Umfrageergebnis"). Für diesen Bereich hat Michael Schneider ein umfangreiches und gutes Fazit:

"Dass die Israelis wie auch die in Deutschland lebenden Juden besonders empfindlich auf jegliche Form des Antisemitismus reagieren, ist aus historischen Gründen nachvollziehbar. Doch die Behauptung, mit der sich als erster Henrik M. Broder hervortat und die seither zum Standard-Argument vieler deutscher Publizisten gehört, dass der 'linke Antisemitismus' heute das Gewand des Antizionismus angelegt habe, ist eine böswillige Unterstellung und politisch kontraproduktiv, weil damit die öffentliche Debatte um die Palästinenser-Politik Israels von vornherein blockiert und zum Tabu erklärt wird. (...) Der unvermeidliche Beifall von der falschen Seite entledigt nicht der politischen Pflicht, die gebotene Auseinandersetzung mit der zionistischen Ideologie, die den historischen Anspruch Israels auf Judäa und Samaria - sprich: auf die besetzten Gebiete - aus dem Alten Testament ableitet, öffentlich zu führen, und dies auch in Deutschland. Hier setzt eine längst verinnerlichte Denkblockade ein. Bekanntlich leiden nicht nur die Kinder und Nachfahren der Holocaust-Opfer an einem Verfolgungstrauma, das ihnen gleichsam reflexhaft gebietet, jedwede Kritik an der Politik des Staates Israels als Infragestellung seiner Existenz zu deuten und diese sogleich als 'antisemitisch' oder 'antijudäisch' zu verdächtigen; auch die Kinder der Tätergeneration leiden offenbar an einem Schuldkomplex, den sie durch einen moralisch unanfechtbaren Philosemitismus und eine hundertprozentige Identifikation mit dem Staate Israel zu kompensieren suchen. (...) Auch waren - und sind es immer wieder - namhafte jüdische Philosophen, Historiker und Schriftsteller, die den Zionismus als nationalistische Ideologie und Staatsform vehement kritisieren. So hat der jüdische Philosoph Ernst Tugendhat für Die Zeit vom 22. Februar 1991 (Der Golfkrieg, Deutschland und Israel) die Deutschen nachdrücklich davor gewarnt, den Argumenten des offiziellen Israel blindlings zu folgen. Seine Hauptthese ist, dass die Deutschen ihre historische Schuld an den Juden nicht bewusst und nicht rational aufgearbeitet haben und dass sie deshalb auch vor den Forderungen des zionistischen Staates, die nicht mit dem Interesse des jüdischen Volkes an guter Nachbarschaft mit den arabischen Völkern identisch sind, fast automatisch 'einknicken'. 'Wird die Schuld, die man empfindet, nicht bewusst aufgearbeitet ..., dann hat das zur Folge, dass man sich zu seinem Gegenüber so verhält, dass man alles tut, was er glaubt, was man zu tun hätte. Man gibt also die Autonomie des eigenen Urteilens preis, und das Gegenüber hat so die Chance, die eigene Schuld zu manipulieren. Es gibt Menschen und auch Staaten, die auf dem irrationalen Schuldgefühl eines anderen virtuos wie auf einem Klavier spielen können. So tun es auch die Israelis mit den Deutschen.' Hätte ein nicht-jüdischer Deutscher diese Sätze geschrieben, man hätte gewiss nicht gezögert, ihn mit der bewährten Keule des 'linken Antisemitismus' zum Verstummen zu bringen." (Michael Schneider, Freitag, 26.09.03 "Seit wann ist Okkupation zu relativieren?" Zwischenüberschrift: "Jüdischer Staat und deutscher Philosemitismus")

Brian Klug, Gründungsmitglied des Jüdischen Forums für Gerechtigkeit und Menschenrechte und Philosophie-Professor in Oxford spricht sich für eine allumfassende Verurteilung von Rassismus ohne Unterschied aus:

"We should unite in rejecting racism in all its forms: the Islamophobia that demonises Muslims, as well as the anti-semitic discourse that can infect anti-Zionism and poison the political debate. However, people of goodwill can disagree politically - even to the extent of arguing over Israel's future as a Jewish state. Equating anti-Zionism with anti-semitism can also, in its own way, poison the political debate." ("No, anti-Zionism is not anti-semitism", Brian Klug, The Guardian, 03.12.03)

Auch der Ansatz von Moshe Zimmermann - Leiter des "Richard Koebner Center for German History" an der Hebräischen Universität in Jerusalem - ist progressiv: eine situationsorientierte Aufarbeitung der historischen Knackpunkte. Dazu gehört auch die Gründung Israels und die Hinterfragung der Mythen, die diese Staatsgründung betreffen:
3

"Auch wenn man die Massenauswanderung von Juden aus arabischen Ländern als Flucht und Vertreibung versteht, könnte man die kontrafaktische Frage stellen, ob diese Vertreibung stattgefunden hätte, wenn der Staat Israel nicht gegründet worden, wenn der Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten ausgeblieben wäre. Wären Juden in arabischen Ländern ohne eine aktive zionistische Intervention motiviert gewesen, Hab und Gut aufzugeben und auszuwandern? Die Debatte kann also nur angesichts des historischen Kontexts - der Gründung des Staates Israel - sinnvoll geführt werden." (SZ 30.07.03, Feuilleton, "In Deutschland wie in Nahost. Vertreibungen und Aufrechnung", Moshe Zimmermann)

Selbiges gilt selbstverständlich für alle beteiligten Seiten und alle beteiligten Vorurteile und Wertungen. Daher ist es auch nicht notwendig, darüber zu diskutieren, ob Kritik an islamischen Positionen oder arabischer Politik legitim ist. Die Legitimation der Kritik ergibt sich immer aus der gegebenen Situation und ist prinzipiell unabhängig von der Stellung von Personen und Gruppen. Es muss jedoch ein Maß für alle geben, sonst wird keine einzige unserer Bewertungen legitim sein. Als ein mögliches Fazit für die Ursachen von Gewalt in muslimischen Gesellschaften hier ein Zitat von Sabine Damir-Geilsdorf:

"Es gibt viele Ursachen für islamisch legitimierte Gewalt, sicherlich liegen sie aber nicht in einer strukturell Gewalt fördernden Beschaffenheit des Islam. Die Ideologisierung und Instrumentalisierung des Islam und des islamischen Märtyrerkonzepts für politische Zwecke beruht vor allem auf der Verweigerung grundlegender Rechte, gravierenden sozialen Ungleichheiten, der Unterdrückung gewaltfreier Oppositionsmöglichkeiten und dem Gefühl politischer Handlungsunfähigkeit. Konfrontative westliche Denkansätze und eine aggressive Politik, die keine wirkliche Demokratisierung der Staaten im Nahen Osten erreichen will, verstärken das bei militanten Gruppierungen dominant gewordene Denken in Feindbildkonstruktionen. Wie sich die islamischen Märtyerkonzepte weiterentwickeln, hängt daher wesentlich von den politischen Entwicklungen in den betreffenden Regionen ab." (FR 12.08.03, "Die Schwäche in Stärke verwandeln. Selbstmordattentate sind ein modernes Phänomen: Wandel und Erweiterungen des islamischen Märtyrerbegriffs", Sabine Damir-Geilsdorf)

Ein weiteres Fazit betrifft die Verständigung und Verständigungsbereitschaft innerhalb des Diskurses, damit er nicht zu einem reinem Sanktions-Diskurs wird. Repräsentant einer progressiven Dialogkultur oder Streitkultur ist der Fernsehjournalist Gordian Troeller, der bekannt ist für seine Reportagen von anderen Ländern und fremden Kulturen. Troeller hatte es bereits mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, Menschen, die eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur haben, andere Besitzverhältnisse und so weiter. In der Fernsehsendung über ihn, "Zwischen allen Stühlen auf dem richtigen Platz" (NDR, 26.04.03, 23.30), erklärt er das Vertrauensverhältnis, das er mit anderen Menschen aufbauen kann, unter anderem damit, dass er mit seinem fremden Gegenüber scherzend streiten kann. Wenn man sich die jeweiligen Vorurteile gegenseitig zuruft und sich dabei ständig einer Ironie gewärtig ist, lernt man sich kennen und kann einander einschätzen.

Von einem harten Kulturdialog zwischen deutscher Landbevölkerung und Muslimen berichtet zum Beispiel der Soziologe Jörg Hüttermann. Dabei geht es im Kern nicht um die "Härte" der Diskussion (Also nicht: Medizin muss bitter schmecken), sondern darum, Konflikte und Vorurteile durch ihr Aussprechen zu manifestieren, um sie zu überwinden:

"Gleich zu Beginn der ersten Versammlung hat jemand gesagt: 'Wir hätten euch auch ins Gas schicken sollen.' Das zumindest war ein Fuchteln mit dem Speer. Zum Glück hat der Bürgermeister rettend eingegriffen, und der Mann ist von der gesamten Nachbarschaft mit geballtem Missmut bedacht worden, sodass er gehen musste. Er ist nicht zurückgekehrt. Das war aus zwei Gründen eine wichtige Erfahrung. Erstens haben die Muslime gemerkt, dass die Alteingesessenen solche Leute nicht in ihren Reihen dulden. Und umgekehrt war die Nachbarschaft sehr beeindruckt, wie die Muslime die Fassung bewahrt haben. Die Muslime hätten alles Recht gehabt, beleidigt zu gehen, und haben es nicht getan. Das hat ihnen Respekt eingebracht." (taz, 04.11.03, S. 15, "'Fuchteln, schimpfen und spucken'. Wenn Muslime in Deutschland eine Moschee bauen wollen, ist eines gewiss: Ärger mit den Nachbarn. Gar nicht so schlimm, findet der Bielefelder Soziologe Jörg Hüttermann: Erst wenn die Kulturen hart aufeinander prallen, entsteht ein fruchtbarer Austausch", Interview Mareke Aden)

Für ein aus der gesamten Studie hergeleitetes, strukturiertes Fazit in Form einer Zusammenfassung der Themen, Ergebnisse und Folgerungen siehe den Schlussteil 4. Im folgenden Teil 3 geht es um Attac und den Antisemitismusvorwurf.

Anschluss Teil 3 >>


Fußnoten:

1: Siehe dazu den Essay "Der politische Aberglaube" (30.05.02) unter www.anis-online.de/1/essays/03.htm (zurück)
2: Brief liegt mir vor. (zurück)
3: Siehe dazu Naeim Giladi, www.bintjbeil.com, gesehen 26.08.03, "The Jews of Iraq": "I write this article for the same reason I wrote my book: to tell the American people, and especially American Jews, that Jews from Islamic lands did not emigrate willingly to Israel; that, to force them to leave, Jews killed Jews; and that, to buy time to confiscate ever more Arab lands, Jews on numerous occasions rejected genuine peace initiatives from their Arab neighbors. I write about what the first prime minister of Israel called 'cruel Zionism.' I write about it because I was part of it." (zurück)
                                  hoch