- Gewalt -
Die Gesellschaften der Welt haben sich nach dem Elften September verändert. Einerseits sind sie näher aneinander herangerückt, andererseits haben sie sich weiter entfernt. Es sind politische Krisenzeiten fast auf der ganzen Welt, und immer wieder ist es die Gewalt, die für die deutlichsten politischen Veränderungen sorgt. Und immer wieder richten sich die Blicke auf die Gewalttäter und die Bedroher - sei es in der In-Group oder der Out-Group -, denn von dort erwartet man die politische Richtung. Niemand war und ist davon begeistert, dass harte Maßnahmen durchgeführt wurden und werden, etwa die Bombardierung Afghanistans, die innenpolitischen Verschärfungen, die internationale Jagd auf (kaum definierte) Terroristen oder die Entwaffnung von "bösen" Staaten.
Jedoch herrscht in den Gesellschaften der Welt ein allgemeiner Glaube daran, dass es nichts Stärkeres gibt als Gewalt. So wird immer wieder das Argument herangezogen, dass Hitler nur mit Gewalt zu stoppen war. Und auch in den Polizistenfilmen, die wir jeden Tag im Fernsehen und im Kino sehen, siegt das Gute über das Böse so gut wie immer durch Gewalt. Auch aus der Familie, der Schule und dem Beruf wissen wir, wenn wir auch nicht darüber sprechen, dass wesentliche Entscheidungen durch die Durchsetzung von Kontroll- und Zwangsmaßnahmen entstehen. So ist nun einmal, denken wir. Wir kennen nichts anderes.
Doch es ist nicht nur der sich verschärfende Weltkonflikt, der die Gesellschaften verändert hat. Es sind auch innergesellschaftliche Faktoren. In Deutschland beispielsweise ist es die Arbeitslosigkeit, die schon vor zwanzig Jahren das Thema Nummer Eins in Presse und Politik gewesen ist. Sie führte zu hohem sozialen Druck. Oder denken wir an die Bürokratie in Europa, die an die Schwerfälligkeit des alten Rom erinnert. An die Schere von Arm und Reich, über die der SPIEGEL im Sommer 1998 eine Titelgeschichte machte, die so eindringlich war, dass sie bis heute wirkt. Immer dringender wird auch das Problem der Nutzung natürlicher Ressourcen und natürlich des Hungers in der Welt.
Auch diese Probleme haben mit Gewalt zu tun, auch wenn sie von anderer Qualität erscheinen als das Nahostproblem und der Terrorismus. Professor Johan Galtung entwickelte dafür die Begriffe der "strukturellen Gewalt" und der "kulturellen Gewalt". Bei diesen Formen der Gewalt lassen sich die Täter nur schwer bestimmen. Wen soll man für den Hunger in der Welt verantwortlich machen, auch wenn man weiß, dass diese Menschen in einer gerechten Welt nicht hungern und sterben müssten? Strukturelle und kulturelle Gewalt sind nicht weniger gewalttätig als physische Gewalt, sie sind nur nicht so sichtbar. Will man wirklich Gewalt überwinden - und das wollen wir hier - dann kann man strukturelle und physische Gewalt nicht voneinander trennen, denn es sind Arten von derselben Sache, und diese Sache ist die Ursache der allermeisten Probleme in der Welt.

- Funktion des Künstlers -
Historisch gesehen waren es immer wieder Künstler, die in Krisenzeiten als Warner, Kritiker und Visionäre aufgetreten sind. Diese Funktion des Künstlers in der Gesellschaft, die des sozial verantwortungsbewussten Traumboten, ist eine anthropologische Konstante, die für alle Gesellschaften und alle Zeiten gilt.
Auch die gesellschaftliche Ambivalenz des Künstlers in seiner Gesellschaft ist eine solche Konstante und gleichzeitig ein Spiegel der Gesellschaft. Was jeder Künstler braucht, ist Freiheit. Ob dies eine Freiheit ist, die er sich innerhalb einer eigenen Welt schafft oder eine gesellschaftliche Freiheit, die ihm von außen gewährt wird, ist dabei zunächst unerheblich. Erheblich ist die Inspiration, die in dem Freiraum gedeihen kann, und die als Kunst in die Gesellschaft zurückwirkt. Diese Freiheit wiederum, die den Künstler zu seinem Werk bringt, entfernt ihn auch von der Gesellschaft, wenn diese selbst nicht in Freiheit leben kann und sich also nicht mit dem Künstler identifiziert, und ihm also nicht vertraut.
Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Zwang und künstlerischer Freiheit wirkt häufig subversiv, denn der Aufruf zur Freiheit, der die Kunst immer auch ist, hat in vielen Ohren eine umstürzlerische Tendenz. Er steht in großem Widerspruch zu der Annahme der Gesellschaft, dass es nichts Stärkeres gibt als Gewalt. Noch dazu wird dieser Widerspruch durch das Element der Verführung angestachelt, das der Ästhetik der Kunst innewohnt.

- Künstler und Establishment -
Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Kunst ist es, Gewalt aufzuzeigen. Meiner Ansicht nach ist dieser Aspekt bislang unterschätzt worden, was auch an der Stellung des Künstlers in der Gesellschaft liegt. Kunst geht immer an Grenzen, und oft an Toleranzgrenzen. Dass beispielsweise die Nazis bestimmte Kunst und Künstler als "entartet" bezeichneten, lässt uns heute die Ängste der Nazis viel besser verstehen, Ängste vor Freiheit und Andersdenken. Die Qualifizierung eines Künstlers als "entartet" kann ohne weiteres als Gewalt bezeichnet werden: Menschen wurden ausgegrenzt, damit eine bestimmte Ideologie bewahrt werden konnte. Eine Art von Zensur setzte ein. Meist war es das Schicksal des Künstlers, das auf die Gewalt der Gesellschaft aufmerksam gemacht hat, mehr noch als das künstlerische Werk. So war es bei Oscar Wilde, bei Robert Walser und bei anderen.
Das Establishment ist der Teil von uns, der in einer festgelegten Ordnung lebt, innerhalb derer die Gesellschaft funktioniert. Man kann sich selbst einbeziehen, wie es Hesse im "Steppenwolf" getan hat, der sich im Konfliktfeld zwischen Establishment und Freiheit gesehen und beide Teile in sich akzeptiert hat, und man kann den Begriff als Kampfbegriff verwenden, so wie es im Extrem die RAF in den 70er-Jahren getan hat.
Zu Hesses Zeiten wurde das Establishment meist noch Obrigkeit genannt. Erst das Ende des Zweiten Weltkriegs machte klar, dass der Obrigkeitsstaat gefährlich und zerstörerisch war, und ein gesellschaftliches Umdenken setzte ein, in dem festgelegt wurde, dass das politische Handeln des Staates vom Volk auszugehen hat und dass eine Gewaltenteilung und kritische Instanzen wie Opposition und Presse notwendig sind, um den Mechanismen des Obrigkeitsstaates zu entgehen. Auch der Schutz des Individuums vor dem Staat wurde nach 1945 wegen der schlechten Erfahrungen höher bewertet.

- Die Anderen haben Schuld -
Nach dieser Umkehr zur Demokratie in den 40er-Jahren wäre zu erwarten gewesen, dass die als gefährlich und zerstörerisch erkannten obrigkeitsstaatlichen Mechanismen weit in den Hintergrund treten. Warum aber gibt es dann so viel Gewalt in der Welt? Eine der Antworten, die im Westen weit verbreitet ist, ist die, dass diese Gewalt nicht aus den westlichen Demokratien stammt, sondern aus solchen Gesellschaften, die ihrerseits den Obrigkeitsstaat noch nicht überwunden haben.
Anders ist nicht zu erklären, warum die USA auf Selbstkritik nach dem Elften September weitgehend verzichtet und "die Terroristen" als Gesamtursache der Katastrophe betrachtet haben und betrachten. Die westlichen Demokratien können keine Schuld haben, da sie ja selbst Hitler erst erlebt und dann besiegt haben. Jedoch spricht vieles dafür, dass die als gefährlich und zerstörerisch erkannten obrigkeitsstaatlichen Mechanismen in den westlichen Demokratien gar nicht überwunden worden sind, obwohl viele von uns das so wahrnehmen.

- Der Glaube an Gewalt -
Der oben erwähnte Glaube an die Unbesiegbarkeit der Gewalt ist einer der wesentlichen Anhaltspunkte dafür, dass die Erkenntnisse aus dem Zweiten Weltkrieg sich noch nicht vollständig durchgesetzt haben. In den 50er- und 60er-Jahren waren es Künstler, die die Gesellschaften an die konstruktive Macht der Freiheit und Kreativität erinnern konnten: die Beat-Poeten und die Hippy-Bewegung wie auch Warhol und Beuys, Dylan und die Beatles. Doch vermochten es diese Künstler nicht, den gesellschaftlichen Glauben an die Priorität der Gewalt zu brechen.
Auch die Kriege nach 1945 und die gesellschaftlichen Probleme konnten nicht von ihnen verhindert werden. Und auch die Hippy-Bewegung wurde durch Gewalt zu einem schnellen Ende gebracht: durch die Ermordung der hoch schwangeren Schauspielerin Sharon Tate durch den Gewaltverbrecher Charles Manson im Jahre 1969. Wie Richard Watts, der die 60er-Jahre in San Francisco erlebt hat, mir erzählte, war es seit diesem Tag in Kalifornien nicht mehr möglich, per Anhalter zu reisen. Es war vorbei. Der Kult, der danach um Charles Manson gemacht wurde (und bis heute gemacht wird), zeigt, dass auch die Love&Peace-Bewegung enttäuscht und zum Teil der Faszination der Gewalt erlegen war.
Die Popkultur brach auseinander nach dem Tod von Sharon Tate, und die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft veränderte sich durch die düsteren Pop-Helden, von denen es reicht, Manson zu nennen. Das Vertrauen der Gesellschaft in die Künstler, das absolut notwendig ist, da der Künstler per Definition nicht kontrollierbar ist bzw. sein soll, wurde tief erschüttert. Analog zu der Furcht, dass Politiker Hitlers Weg gehen könnten, ergab sich die Furcht, dass Künstler den Weg Mansons beschreiten könnten, wenn man sie zu groß werden ließ.

- Angstdenken -
In dem Spielfilm "The Sphere" mit Dustin Hoffman werden Forscher mit intelligentem außerirdischem Leben konfrontiert, das sich über den Computerbildschirm meldet mit den Worten: "Hallo, mein Name ist Jerry." Einer der verblüfften Forscher tippte seine Antwort in den Computer: "Woher kommst du?" - und ich musste mir unwillkürlich an den Kopf fassen und in meinen Fernseher rufen: "Nein! Was schreibst du denn Jerry da für einen Quatsch!" Dann schrieb wieder der Außerirdische, und er schrieb: "Ich bin glücklich." Und ich dachte: Natürlich schreibt er das. Was soll er sonst auf diese Respektlosigkeit antworten? Die Besatzung der Unterwasserstation, die diese Botschaften empfing, begann dann nachzudenken und wie folgt zu argumentieren: Dieser Außerirdische war mehrere hundert Jahre einsam. Daher wird sein Sozialverhalten auf einem kindlichen Niveau stehen. Wenn er betont, glücklich zu sein, steckt darin die Gefahr, dass er stark aus dem Gefühl heraus handelt. Wie also, so fragte sich die Besatzung, würde Jerry sein, wenn er wütend war? Sie bekamen Angst. Sie sagten Jerry, dass er auch verstehen müsse, dass Menschen eine Privatsphäre brauchten. Logischerweise hat das Jerry wütend gemacht. Und erst am Ende des Films bemerkten die Forscher, dass ihre eigenen Ängste sie in Gefahr gebracht hatten.
Ähnlich verhält es sich zwischen Künstlern und der Gesellschaft, Kindern und der Gesellschaft, Fremden, sowie allen anderen als nicht kontrolliert geltenden Personen und der eigenen Gesellschaft. Der Drang nach Kontrolle ist so stark, dass obrigkeitsstaatliche Mechanismen entstehen, um auf all diesen Leuten (auf all diesen Teilen von uns) den Deckel draufzuhalten.
Anders als in den vordemokratischen Gesellschaften jedoch wird diese Deckelung nicht mehr öffentlich vertreten. Es gibt keine "entarteten Künstler" mehr und keine in den Medien sichtbare politische Verfolgung von Künstlern oder anderer Menschen. Immerhin basieren unsere Demokratien auf dem Prinzip des Pluralismus und der Meinungs- und Glaubensfreiheit. Daran kommt niemand vorbei. Um also unkontrollierbare Elemente auszuschalten, bedarf es anderer Methoden, und die gibt es.

- Kontrollmechanismen -
Der Selbstzentrismus und das Angstdenken in unseren Gesellschaften machen es leicht, unkontrollierbare Elemente wie Jerry argumentativ abgesichert zu bekämpfen: Man erklärt sie für gefährlich und richtet den Blick nach innen auf die eigenen Ängste, aus denen man sein Handeln legitimiert. Dies ist nicht nur in diesem Film so geschehen, sondern auch nach dem Elften September. Es geschieht in Russland hinsichtlich der Tschetschenen, es geschieht in den USA jetzt hinsichtlich des Iraks, und es geschieht par excellence in Israel hinsichtlich der Palästinenser. In diesen Fällen wird physische Gewalt angewendet und dadurch legitimiert, dass es Gegengewalt ist, und dass sie sich dezidiert gegen Gewalttäter richtet, die der Gesellschaft schaden. Problematisch an dieser Methode ist erstens, dass Verallgemeinerungen auftreten, die sich gegen bestimmte Völker und Religionen richten können, und zweitens, dass vollständig unberücksichtigt bleibt, worin die Gewalt gegen das Establishment oder den Staat begründet liegt.
Der Selbstzentrismus in unseren Gesellschaften ist auch dafür verantwortlich, dass eigene Gewalt nicht als solche erkannt werden kann. Wer nur an sich selbst denkt, kann sich nicht in die Lage anderer versetzen, und er wird die Opferschaft eines anderen nicht erkennen können. Für Künstler gilt das doppelt, weil sie gesellschaftliche Freiheiten vorleben, die sich andere nicht leisten wollen: Warum soll ausgerechnet der Bohème es leicht haben, wenn ich selbst so leiden muss? Das fehlte gerade noch!
Immer wieder einmal hört man von Künstlern, die pathologisiert wurden. Genie und Wahnsinn, so wissen wir, liegen manchmal eng beieinander, und es bedarf nicht einmal eines bösen Willens, um bestimmte Künstler als psychisch gestört zu erklären und damit aus der Gesellschaft auszugrenzen. Robert Walser ist so ein Fall, der häufig zitiert wird. Oft sorgen bereits die Familien der Künstler dafür, dass sie von der Gesellschaft marginalisiert werden. Dies war z.B. bei Hermann Hesse der Fall, der von seinem Vater in ein Sanatorium gebracht wurde und der in seiner Heimatstadt Calw zu seinen Lebzeiten nie den Ruch des Faulenzers loswerden konnte.

- Werte -
Solche Kontrollmechanismen sind nicht (mehr) ideologisch, sondern es wird zumeist gar nicht darüber reflektiert. Es liegen ihnen Werte zu Grunde, die man täglich in den Medien und in der eigenen Umgebung hört. Hier einige Beispiele: Als Bush kurz nach dem Elften September vom "Ausrotten" und "dem Bösen" und dem "langen Krieg" sprach, da fragte die TAGESTHEMEN-Moderatorin Anne Will ihren Interview-Partner, ob es denn wohl bei Worten bleiben würde. Erst wenn Bush wirklich bombte, war das Argument für sie also wirksam. Ohne es zu merken oder zu wollen, hat die Journalistin hier gezeigt, dass sie an Gewalt glaubt. Das heißt nicht, dass sie Gewalt befürwortet, das würde ich ihr nicht unterstellen, aber die Gewalt hat ungleich mehr Autorität als Worte. "Wird es bei Worten bleiben", oder werden (wirkliche Gewalt-)Taten folgen? Es sind solche Kleinigkeiten, die bereits erkennen lassen, welchen Stellenwert etwa das Wort eines Schriftstellers in der Gesellschaft hat, nämlich kaum einen.
Ähnlich ging es vor sich, als der beliebte deutsche Film-Veteran Blacky Fuchsberger kürzlich in der Sendung "Beckmann" Werte ansprach. Er sprach sich dort gegen den Enthusiasmus im Allgemeinen aus, den er als unkontrollierbar und daher suspekt einstufte. Eine Ohrfeige für alle kreativen Menschen! Auch seine Bemerkung, dass man nichts Falsches tun könne, wenn man nichts tue, war eine Äußerung, die für die autoritäre Gesellschaft spricht und gegen das Forschen und Probieren und vor allem gegen das Kritisieren.
Wenn man seiner Umgebung und den Medien zuhört und dabei auf die Werte achtet, die den Aussagen der Leute zu Grunde liegen, stolpert man ständig über suggestive Äußerungen, die aus Angstdenken stammen und die sich gegen die Freiheit des Individuums richten. "Auffällig bis kriminell" ist noch so ein Ausspruch, den ich aus den Nachrichten habe und der nahelegt, dass unkontrollierte oder anders-seiende Dinge von vornherein verdächtig sind.
Auch der Wert des Leidens wird sehr hoch bewertet, was dazu führt, dass wir uns gegenseitig damit beeindrucken, wie schlecht es uns geht. Jemand, der zum Beispiel völlig überarbeitet ist, bekommt dafür Anerkennung, weil er gelitten hat. Dass diese Verirrung auch dazu führt, dass Nicht-Leiden suspekt wird, wird dabei gar nicht beachtet. Dass es uns in eine Gesellschaft der leidend Handelnden verwandelt, wird auch nicht beachtet. Auch zu den Stereotypen über Künstler gehört, dass sie erst dann gut sind, wenn sie sehr gelitten haben oder leiden, was von vielen Künstlern als eine sadistische Unverschämtheit angesehen wird.
Der Wert, nach dem sich unsere Gesellschaften bekanntlich ganz wesentlich richten, ist der Materialismus. Das führt zum Beispiel dazu, dass man gesellschaftlich viel leichter akzeptiert wird, wenn man reich ist. So tief verankert in unserem wissenschaftlich-aufgeklärten Zeitalter ist der Materialismus, dass Spiritualität und Kreativität als Werte fast nicht mehr vorkommen. Auch wenn uns allen klar ist, dass an der Geschichte mit dem Goldenen Kalb etwas dran ist, auch wenn wir wissen, dass unsere nach Monopolen strebende Wirtschaft immer mehr Schaden in der Welt anrichtet, und obwohl wir wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, klammern wir uns an die Materie als Wert. Dass wir dadurch Unrecht entstehen lassen, nehmen wir einfach nicht wahr, wenn wir dadurch das Kreative und Spirituelle bekämpfen, auch nicht. Das ist die Bedeutung von Materialismus als Wert. Er richtet sich mittelbar gegen Kinder, gegen Künstler und gegen gläubige Menschen im Allgemeinen. Er ist gegründet auf Besitz und Gier und kann solch groteske Formen annehmen wie der aktuelle Werbeslogan der Firma Saturn in Köln: "Geiz ist geil."

- Der Reformstau -
Die Geiz-ist-geil-Gesellschaft verdrängt die Rechte des Individuums, auch wenn sie das Gegenteil glaubhaft machen will. Um die Fleischtöpfe zu verteidigen, geht man über Leichen. Um das Bild der heilen Welt nicht zu zerstören, werden wichtige Fragen gar nicht erst gestellt oder zugelassen. Diese Tendenzen der Gesellschaft sind selbstzerstörerisch und destruktiv. Es wäre z.B. an Künstlern, Gläubigen, Menschen mit idealistischen Werten, hier Gegenpole zu bilden. Dies wird auch getan, allerdings wird es nicht hinreichend gesellschaftlich anerkannt, bzw. wird es sogar erstickt. Der Reformstau, den es nicht nur in Deutschland gibt, wird dadurch nicht abgebaut. Im Gegenteil ist es selbst den Politikern nicht mehr möglich, an wirkliche Reformen auch nur zu denken. Für unsere gesellschaftlichen Probleme brauchen wir nämlich kreative und visionäre Denker, und genau die werden bei uns unter dem Deckel gehalten. Um den Schein zu wahren, wurde ein so genanntes Hartz-Programm entwickelt, mit dem Arbeitslose neu verwaltet und klassifiziert werden. Jeder kann sehen, dass dies keine Reform ist, sondern das übliche Hin-und-Her-Schieben von Problemen, aber die Politiker, die Presse und auch die Wähler haben es akzeptiert. Denn so wichtig Reformen auch sind, wichtiger noch ist, dass sich nichts verändert!
Wenn man sich wünschen könnte, wer gesellschaftliche Kritik ausspricht, so wird man sich einen Mund wünschen, aus dem andere Werte sprechen als der kalte Materialismus. Es wird einem lieber sein, wenn ein Freund es tut, und nicht ein Feind. Solange aber kritische Künstler, die dafür in Frage kommen, marginalisiert werden, solange schwebt der Vorwurf im Raum, dass hier die Gesellschaft von ihren demokratisch-pluralistischen Grundlagen weit weit abgerückt ist und sich zur autoritären obrigkeitsstaatlichen Gesellschaft zurückentwickelt hat, etwas, was wir nach dem Zweiten Weltkrieg explizit nicht mehr wollten.
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