- Dem Krieg den Boden entziehen -
In der Terrorismusdebatte, die genau vor einem Jahr am Elften September begann, sprach Bundespräsident Johannes Rau davon, dass es keinen Sinn ergibt, Terror mit Terror zu beantworten, und dass es vielmehr darum gehe, dem Terror den Boden zu entziehen. Viele Bürgerinnen und Bürger werden diese Einstellung begrüßt, sich aber gleichzeitig die Frage gestellt haben, wie man dem Terror dem Boden entziehen kann. Wie man der Gewalt den Boden entziehen kann und wie man dem Israel-Palästina-Krieg den Boden entziehen kann.
Wenn wir an den Krieg denken, denken wir meist an Panzer und Gewehre, wir denken an die Armee und an Steine werfende Jungs, an Ausgangssperren, an Terroristen, Attentate und Killerkommandos. Und in der Tat, das ist das Zentrum der Gewalt, das ist der Brennpunkt, und über den berichten die Medien. Der Frieden wird sich nicht an diesem Brennpunkt ausbreiten, denn dort herrscht unübersehbar Gewalt, und Gewalt führt zu Schuld. Botschaften des Friedens und der Bewältigung können dort nicht gehört werden. Jeder Versuch der unmittelbaren Einflussnahme wird an der Front als Aggression gewertet, denn dies ist die Logik des zeitgenössischen Krieges.
Zur Einführung des Friedens habe ich drei vorherrschende Bilder: eines für das Individuum, welches den Frieden wie jede andere Wahrheit nur von Innen erfahren kann, ein zweites für eine Gruppe, die sich durch Identität und Feindbildlosigkeit auszeichnet und die eine Friedensinsel bilden kann, und ein drittes für die Gesellschaft, die den Gewaltherd durch einen Ring der Öffentlichkeit von außen auf das Zentrum zusteuernd erstickt (siehe auch Statement: VIER EBENEN DES TERRORISMUS).

- Verzicht auf Feindbilder -
Vor dem Hintergrund dieser Insel- und Ring-Metaphern wird im folgenden nach konflikt-entschärfenden Möglichkeiten gesucht, die nicht auf Gewalt angewiesen sind. Der Krieg, so sagt der Westen doch, darf nur das letzte Mittel darstellen, wenn alle anderen Ideen versagen. Und man merkt es den westlichen Führern auch gerade in diesen Tagen an, dass sie alle Ideen, die ohne Gewalt zum Frieden führen, sehr genau und mit überschäumendem Interesse prüfen, um Kriege vermeiden zu können.
Meine Überlegungen gehen von der Maßgabe aus, auf Stereotype und Feindbilder zu verzichten, da sie Nährboden, genauer: Projektionsflächen, für Gewalt darstellen. Im Israel-Palästina-Krieg haben wir es verstärkt mit Klischees und Feindbildern zu tun, und diese aufzulösen bedeutet, dem Krieg den Boden zu entziehen.
Auf Feindbilder zu verzichten heißt nicht, keine Feinde zu haben. Wer die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern leugnen wollte, machte sich lächerlich. Feindbilder allerdings machen blind, sie lösen den Konflikt nicht. Man weiß dann nicht, gegen wen man eigentlich kämpft, weil man alle Informationen über den Gegner selbst generiert hat. Man kann die Handlungen des Feindes schlechter einschätzen und lebt an der Situation vorbei, in der Fehlannahme, man selbst allein sei die Situation.
Es geht im Palästina-Israel-Krieg nicht um einen Blutzoll, der zu entrichten ist, um dem Gott des Friedens ein Opfer zu bringen. Es geht um einen Konflikt, den zwischen den Israelis und den Palästinensern. Dieser Konflikt will aufgelöst werden, und es wird nicht die Gewalt sein, die ihn aufgelöst. Ich höre das Argument, dass Hitler auch nur gewaltsam gestoppt werden konnte, aber ich sehe keinen erbrachten Beweis für diese Annahme. Vielmehr wird das Argument verwendet, um Gewalt zu rechtfertigen und vor allem: um gar nicht erst über - möglicherweise schwächlich wirkende - Alternativen nachdenken zu müssen.

- Konflikt der Identitäten -
Im Israel-Palästina-Krieg geht es vornehmlich um die Suche nach Identität. Die Palästinenser verstehen nicht, warum sie weniger Rechte haben als andere Menschen. Sie fragen sich, ob sie so schlecht und wertlos sind, dass sie so behandelt werden. Damit repräsentieren sie die Araber und die Muslime, auch die Afrikaner und die Sozialisten, die sich angesichts ihrer traditionsreichen Relation zur Westlichen Welt alle ein wenig so fühlen, sei es nun berechtigt oder unberechtigt.
Die Israelis hingegen sind Gestrandete des Schiffbruchs der Geschichte. Sie haben erlebt, wie die ganze Welt die Gaskammern und den Tod von sechs Millionen Menschen zugelassen hat, eine Tat, die für ein menschliches Hirn nicht vorstellbar und für ein menschliches Herz nicht verkraftbar ist. Nach der Tragödie des Elften September und selbst nach dem Amoklauf an einer Schule in Erfurt waren nach der Tat sofort Psychologen vor Ort, um den Betroffenen beizustehen und ihnen zu helfen, mit der Sache umzugehen. Nach dem Holocaust aber gab es solche Psychologen nicht, sondern die Juden wurden mit einem materiellen Geschenk der imperialen Welt - und anders als eine verstohlene Form der Wiedergutmachung kann ich die Landnahme Palästinas in ihrem Kern nicht sehen - erneut abgeschoben.
Beide Lager sind durch solche historischen Belastungen darin behindert, ihre Identität zu erkennen und zu leben. Beide Lager sind über historisches Unrecht nicht hinweggekommen und befinden sich in unaufgearbeiteten historischen Konflikten. Es ist die Phase der Wiederholungen. Die Lager wiederholen ihre Muster und führen diese unverstandenen historischen Situationen erneut herbei, um sie zu klären. Dabei fixieren sie sich auf den jeweils anderen, da beide Seiten nicht genügend Eigen-Identität haben und damit einen Feind brauchen, um sich so eine Ersatz-Identität zu schaffen.
Um dem Krieg den Boden zu entziehen, muss der praktische Beweis erbracht werden, dass es andere politische Wege gibt als Gewalt, und dass die Gewalt nicht die einzige Stimme ist, die Gehör finden kann. Da der Israel-Palästina-Krieg im Kern ein komplexer Identitätskonflikt ist, ist es naheliegend, sich mit der palästinensisch-arabischen und mit der israelisch-jüdischen Identität zu beschäftigen und den Konflikt dort zu beheben. Sind die jeweiligen Eigen-Identitäten - so nenne ich die Identitäten, die nicht durch Abgrenzung von anderen entstehen - stabil und geklärt, ist dem Krieg der Boden entzogen.

- Hemmschwellen -
Hemmungen sind Ängste, manche davon sind gerechtfertigt, andere nicht. Es gibt drei Arten: die Hemmungen, die auf Unwissenheit beruhen, solche, die auf zivilisatorischen und kulturellen Maßgaben beruhen, und solche, die auf Wissen beruhen. Über letztere brauchen wir nicht zu streiten, denn sie sind gerechtfertigt. Wir haben eine Hemmschwelle gegenüber dem Töten von Menschen, die extrem hoch ist, und wir brauchen sie, so wie wir die Hemmschwellen brauchen, die uns vor Inzest bewahren, vor Kannibalismus, und vor dem Kauf einer CD von Marilyn Manson.
Es wäre eine interessante Aufgabe, die Hemmungen zu untersuchen, die auf kulturelle und zivilisatorische Maßgaben zurückzuführen sind, und ihre Ausdrucksformen aufzuzeigen. Besonders die Unterschiede zwischen dem Amerika-folgenden Westen und dem arabisch-islamischen Osten. Es gibt einige Unterschiede in deren jeweiligen ästhetischen Wahrnehmungen, die auf kulturelle und zivilisatorische Eigentümlichkeiten zurückzugehen scheinen. Auf orientalischen Märkten - um ein kurzes Beispiel zu geben - kann man manchmal lebendige Hühner kaufen und zu Hause schlachten, oder sie vor Ort auf dem Markt schlachten lassen. Obwohl westliche Menschen auch Hühner essen, sind sie im Allgemeinen gehemmter, sich des Tötungs-Aspekts bewusst zu sein, als östliche Menschen. Ein weiteres kurzes Beispiel ist die Ablehnung des Glaubens, zu der sich die westlichen Gesellschaften nach Galileo und nach 1945 entwickelt haben, und die nicht in gleichem Maße in den östlichen Gesellschaften anzutreffen ist.
Doch handelt dieser Essay in der Hauptsache von solchen Hemmungen, die auf Unwissenheit beruhen. Leitgedanke des Essays ist die Frage nach Wegen aus dem Israel-Palästina-Krieg. Manchmal können wir etwas unternehmen, das den Frieden näher bringt, aber wir tun es nicht, weil wir uns unsicher fühlen. Oder weil wir nicht einmal realisieren, dass hier eine Chance für den Frieden ist, weil wir zu beschäftigt damit sind, den Konflikt zu verdrängen. Wie durch unsichtbare Schranken sind wir oft daran gehindert, es überhaupt zu versuchen. Von diesen Hemmungen können durch die Schaffung eines Bewusstseins über sie und durch das Aufzeigen ihrer Manifestationen einige überwunden werden.

- Die Inselmetapher -
Es gibt bereits gemischte Gruppen aus Israelis und Palästinensern, die gemeinsam nach Lösungen suchen. Dazu gehören Friedensgruppen und politische Initiativen verschiedener Art. Jedoch treten diese Inseln des Dialogs und Miteinanders kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, und es sind auch nicht sehr viele. Geht man, wie beispielsweise die Vereinten Nationen, von der Vision der Kohabitation eines unabhängigen Staates Palästinas und eines unabhängigen Staates Israels aus, so sieht man zwei Gesellschaften, die einander kennen und miteinander reden. Also gilt es, Prototypen solchen Zusammenlebens zu schaffen und als Bilder in die Öffentlichkeit zu tragen, damit diese sich an den Frieden gewöhnen kann. Dies sind Inseln des Miteinanders, die für neue Impulse sorgen und sich vergrößern und verbinden können, um sich so der Vision anzunähern.
Die Konkurrenz schläft nicht. Die Amerikaner beispielsweise haben in den letzten Monaten - und als Antwort auf den sich heute jährenden Elften September - ebenfalls Bilder produziert. Nehmen wir die fruchtbare Zusammenarbeit der Regierung mit einigen Hollywood-Regisseuren. Kriegsfilme wurden gedreht, um den Zuschauern die Realität des Krieges in den Kopf zu setzen, der von keinem anderen als George W. Bush erklärt worden ist ("We are at war.").
Doch bedarf es nicht des gelebten Kulturaustauschs, um solche Inseln zu bilden, die einen Frieden in Nahost vorwegnehmen. Jede Gruppe, die für ihre Identität nicht auf die Existenz eines Feindes angewiesen ist, wirkt entspannend auf den Konflikt, wie ein Ausweg aus der Kriegssucht. Dass es nur wenige solcher Gruppen gibt und dass solche Initiativen selten ins Licht der Öffentlichkeit gelangen, liegt meiner Ansicht nach im Wesentlichen an sozialen Hemmungen, von denen einige anhand ihrer Schwellen hier untersucht werden sollen.

- Die eigenen Vorurteile -
Die Zusammenarbeit mit moderaten Kreisen des jeweils feindlichen Lagers, sowie der Verzicht auf Feindbilder, scheitert in erster Instanz an unseren eigenen Vorurteilen. Wir selbst sind so gewöhnt an den Feind, dass wir uns ein Leben ohne ihn kaum vorstellen können. Um diese Tatsache zu verstecken, erfinden wir die Notwendigkeit von Szenarios, die auf den Feind angewiesen sind.
Die Hemmschwellen zeigen sich nicht nur in den Meinungen, die vertreten werden, sondern vor allem in konkreten Kommunikationssituationen. Als ich das erste Mal mit einem israelischen Soldaten in einer Kommunikationssituation war, habe ich ihn abgelehnt. Ich war ungefähr 19, stand an einem Ausflugsort irgendwo in der Landschaft und wurde, als Tourist identifiziert, von einem Soldaten auf englisch angesprochen. Er hat mich nur gefragt, ob es mir gefällt, so weit ich mich erinnere, doch ich sagte nur, dass ich nicht mit ihm sprechen möchte und ging davon. Obwohl ich mir gut vorstellen kann, heute ähnlich zu reagieren, weil es israelische Soldaten sind, die das Volk meines Vaters besetzen, wusste ich damals noch viel weniger darüber, wo meine Grenzen und Hemmschwellen im Umgang mit Israelis lagen.
Später lernte ich Juden und Israelis in verschiedenen Lebenszusammenhängen kennen, und ich lernte, dass es Israelis und Juden gab, die ähnlich dachten wie ich. Wenn ich darauf dränge, die Palästinenser und die Israelis zu diesem Zeitpunkt deutlich und konsequent voneinander zu trennen, dann mag das wie ein Widerspruch aussehen. Jedoch scheint es mir politisch angebracht, die Lager zu entwirren und durch den Aufbau von etwas Eigenem und Unabhängigem in ihrer Selbst-Identität zu stärken. So werden die Feindbilder an Bedeutung verlieren, und erst dann kann ein groß-angelegter gesellschaftsübergreifender Dialog entstehen.
Es war dieser Dialog, der im Anschluss an 1945 aufgrund von Hemmungen nicht geführt wurde. Daher gibt es keinen Präzedenzfall, auf den man sich im Israel-Palästina-Krieg berufen kann. Andererseits befinden wir uns am Beginn eines neuen Jahrhunderts, und das ist statistisch gesehen eine gute Zeit für Paradigmenwechsel.
Es sind oft die eigenen Vorurteile, für die man rationale Begründungen sucht und vorschiebt. Dadurch entstehen Hemmschwellen, die den Krieg weitergehen lassen und die das Autoritäts-Monopol der Gewalt aufrecht erhalten. Doch es gibt noch mehr Gründe dafür, warum es die Inseln eines vorweggenommenen Friedens so schwer haben. Dazu gehören der Verratsvorwurf, die Gefangenheit im Opferdenken und die Unsicherheiten im In-Group und im Out-Group-Verhalten.

- Der Vorwurf des Verrats -
Der Vorwurf des Verrats ist eine der bedeutendsten Hemmschwellen im Konflikt. Die Lager sind so weit voneinander entfernt, dass eine Kommunikation mit dem gegnerischen Lager sofort verdächtig ist. Ein Palästinenser, der zu oder mit Israelis spricht, der Formen der Kooperation sucht, wird schnell ein ´Amiil, ein Kollaborateur, genannt. Umgekehrt ist es ähnlich, und es ist schwer zu sagen, auf welcher Seite die Hemmschwellen höher sind.
Analysiert man den Vorwurf des Verrats, so kommt man zum Argument, dass die Kommunikation mit dem Feind eine Aufwertung des Feindes bedeutet, da man ihm Aufmerksamkeit gewährt, und zum Argument, dass man Informationen aus dem eigenen Lager preisgibt. Ein drittes Argument ist der Verdacht, persönliche Interessen über nationale Interessen zu stellen.
Beginnen wir mit diesem letzten Argument. Beim Gespräch oder der Kooperation zwischen Palästinensern und Israelis ist zu unterscheiden, ob es sich hier um Arbeit handelt, die der UN-Vision der zwei Staaten förderlich ist, oder ob sich jemand beispielsweise einen wirtschaftlichen oder sonstigen privaten Vorteil erhofft. Solche Fälle gibt es bedauerlicherweise, und gegen sie ist meiner Meinung nach Milde nicht angebracht. Doch vor schnellen Verurteilungen und Verdächtigungen, wie ich sie von vielen Beispielen kenne, ist dringend zu warnen. So gibt es Fälle von Erpressung, die als Kollaboration fehlinterpretiert werden. Da der Vorwurf der Kollaboration zur Lynchjustiz führen kann, sind die Hemmschwellen besonders hoch. Jedoch wenn auch nur ein Unschuldiger durch solche Übertreibungen stirbt (und es waren mehr), dann kehrt sich der Verratsvorwurf schnell gegen den, der ihn ausgesprochen hat. Gerade auf diesem sensiblen Feld häufen sich Missverständnisse und Fehleinschätzungen, die nur dadurch ausgeräumt werden können, dass man über die Fehler spricht, um sie nicht machen zu müssen.
Damit sind wir beim zweiten Argument, dem also, dass beim Austausch mit dem Feind Informationen aus dem eigenen Lager zum anderen Lager gelangen. Dieses Argument ist allerdings fadenscheinig, denn es beruht auf der zweifelhaften Annahme, dass es ein Nachteil ist, wenn der Feind uns kennt. Es ist die Annahme, dass der Feind, wenn er Informationen über uns hat, diese gegen uns verwenden kann, indem er ihre Schwachstellen attackiert oder mit Hilfe dieser Informationen Pläne gegen uns schmiedet. Zweifelhaft ist diese Mentalität, weil sie auf Angstdenken beruht, und weil sie Feind-fokussiert ist. Fadenscheinig ist sie, weil sie dazu führt, dass nicht nur der Feind keine Informationen über uns hat, sondern wir auch nicht. Darüber hinaus weiß ich von meiner eigenen Arbeit, wie überaus vorteilhaft es sein kann, dem politischen Gegner so viele Informationen über sich zu geben, dass es eine große Herausforderung darstellt, sie auszuwerten, die schließlich zu der Feststellung führt, dass seine Position mir gegenüber sich dadurch nicht verbessert hat.
Ist also die Kommunikation mit dem Feind eine Aufwertung des Feindes und ein Verrat? Prinzipiell beantworte ich die Frage mit Nein. Ich halte Angstdenken und Feindfixierung für Aufwertungen des Feindes. Für wichtiger halte ich die pragmatische Frage, wer mit wem eine solche Kommunikation durchführen kann, denn wenn auch einige der Hemmschwellen durch Bewusstmachung überwunden werden können, bleiben immer noch viele, die die Kommunikation stören, immerhin sprechen wir über den Palästina-Israel-Krieg und nicht über irgendeine WG-Streitigkeit.

- Opferdenken -
Jeder, der sich am Krieg beteiligt, fühlt sich als Opfer. Unabhängig davon, wie die Gesamtsituation zu bewerten ist und welche Partei wieviel Recht hat, fühlt sich jeder der Beteiligten als Opfer, und je näher sie am Zentrum der Gewalt stehen, desto stärker wird das Opferdenken. Eine der Hemmschwellen, die sich daraus ergeben, ist die Erwartungshaltung, als Opfer akzeptiert zu werden. Die Palästinenser als Opfer der Besatzung, die Israelis - und jetzt auch die Amerikaner - als Opfer von Terror.
Opferdenken hat zwei Seiten: Auf der einen Seite steht die Gewaltsituation, zum Beispiel, wenn ein israelischer Soldat einen palästinensischen Bürger erschießt. Solche Situationen sind real, und das eine Element, das jede Gewaltsituation beinhaltet, ist das Opfer. Wenn es kein Opfer gibt, kann man auch keine Gewalt nachweisen. Die eigene Opferschaft zu leugnen oder zu verharmlosen, ist also falsch.
Auf der anderen Seite stehen die Abstraktion und die Verallgemeinerung der Opferrolle. Durch sie lässt sich übertriebene eigene Gewalt rechtfertigen (Wir müssen uns wehren), und durch sie wird Selbstkritik unnötig, weil man auf den Gegner fixiert ist. Die Hemmschwelle, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen, wächst, weil man eine komplementäre Täterrolle braucht, um die eigene Opferrolle behalten zu können.
Die Überwindung des verallgemeinerten Opferdenkens wird nicht dazu führen, dass etwa Soldaten und Widerstandskämpfer miteinander reden können, jedoch werden die friedenswilligen und weniger schuldigen moderaten Kreise auf beiden Seiten das Zwei-Staaten-Projekt nach vorne bringen können, wenn sie sich ihrer Hemmschwellen bewusst sind, die auf Opferdenken beruhen.
Die Fragen nach der Rehabilitation der Opfer und überhaupt der historischen und politischen Gerechtigkeit im Nahen Osten sind damit nicht gestellt, geschweige gelöst. Nach meiner Überzeugung können diese Fragen in ihrem ganzen Umfang sinnvoll erst nach der Entwirrung der Lager gestellt werden. Man darf sich nicht den Glauben daran nehmen lassen, dass die Gerechtigkeit sich (ohne Gewalt) durchsetzen wird, denn sonst beginnt man selbst, außerhalb der Gerechtigkeit zu leben.

- In-Group-Verhalten -
Zu den Dingen, die den jeweiligen Lagern im Israel-Palästina-Krieg ihre Identität geben, gehören der gemeinsame Feind und die Tatsache, dass die Mitglieder der Gruppe alle Opfer sind. Das In-Group-Verhalten, also das Verhalten innerhalb der Gruppe, ist dadurch geprägt. Nimmt man der Gruppe das Opferdenken und die Feindfixierung, so bleiben kontroll-lose, offene Situationen. Solche Situationen sind vielen Menschen unbehaglich. Da ist eine Furcht davor, dass die In-Group auseinanderfallen könnte, wenn der Feind fehlt.
Im Krieg und in der autoritären Gesellschaft ist der Einzelne der Gruppe streng untergeordnet. Das Persönliche und das Private tritt in den Hintergrund. Die harmonische Dynamik der Gesellschaft allerdings ist dadurch gestört. Denn die Identität einer Gesellschaft oder Gruppe ist immer abhängig von den Identitäten ihrer Mitglieder. Je stärker die Identität der Einzelnen, desto stärker ist die der Gruppe.
Leider sind als typische Vertreter der jeweiligen Lager - wenn überhaupt - fast nur solche Personen im Bewusstsein der In-Group, die am Krieg und an der Gewalt des Krieges beteiligt sind. Die Hemmungen, Persönliches und Individuelles in den Diskurs einzubringen, arbeiten gegen die Identitätsbildung der Gruppe und damit gegen ihr Interesse.
Die meisten Hemmschwellen, den Palästina-Israel-Krieg zu beenden, liegen innerhalb der In-Group, denn in der leben die Menschen, denen man im Alltag begegnet. Hier bekommt man die Aufmerksamkeit, die man angesichts des Krieges so nötig braucht, und die Angst, Fehler zu machen, betrifft eher die In-Group. Der Feind hasst einen sowieso. Dieses Angstdenken aber ist verbunden mit einem Mechanismus des Schweigens und Sich-Zurückhaltens, der zur Kommunikationslosigkeit innerhalb der In-Group führt.
Die Sackgasse dieses Schweigens, das man auch als Ausweichen vor Konflikten innerhalb der In-Group aufgrund von unreflektierten Hemmungen beschreiben kann, kann durch Individuen überwunden werden, deren Eigen-Identitäten in die Gruppe zurückstrahlen und damit die Dynamik zwischen Individuum und Gruppe als Integrationsfiguren wiederherstellen: Popstars statt Kriegsstars. Je mehr Eigen-Identität durch Kultur, Kunst, Geschichte, Glaube, gewaltlose Kindererziehung, Elitenförderung, Humor, Spiel, Sport und ähnliches hervorgebracht werden kann, desto mehr sammeln sich die Mitglieder der In-Group um gewaltlose Situationen und bringen gewaltlose Identitäten hervor.

- Out-Group-Verhalten -
Das Verhalten der Gruppe gegenüber der Out-Group ist ein weiterer Ort, wo Hemmungen bestehen, die in dieser Form nicht bestehen müssen. Es war bereits oben davon die Rede, dass die Kommunikation mit dem Feind dem Vorwurf des Verrats ausgesetzt ist, dass es also hohe Hemmschwellen gibt, überhaupt ein konstruktives Out-Group-Verhalten auszubilden.
Einige Politiker auf beiden Seiten haben ein solches Verhalten, wenn es auch oft strapaziert wird. Jedoch haben die drei Weltreligionen und hat auch die Demokratie keine wirklichen Instrumente für ein Out-Group-Verhalten, das auf Respekt vor dem anderen gegründet ist, weil sämtliche dieser genannten Sammelgruppen einen mehr oder weniger latenten Absolutheitsanspruch vertreten, der die Ebenbürtigkeit eines konkurrierenden Systems von vornherein ausschließt.
Die Toleranz, Vertrauen in eine Gruppe zu setzen, die der eigenen Gruppe gegenüber gleichgestellt ist und die nicht von ihr kontrolliert wird, diese Toleranz ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts, und es ist unmöglich, Lessings Buch "Nathan der Weise" in diesem Zusammenhang nicht wenigstens zu erwähnen.

- Geschichtsbuch -
Die Inseln des vorweggenommenen Friedens können sich nur bilden, wenn die auf Unwissenheit gegründeten Hemmschwellen bei den konstituierenden Individuen überwunden sind. Wenn solche Prototypen des Friedens sich mehren und sich in der Öffentlichkeit durchsetzen, kann ein Glaube an den Frieden entstehen. Frieden ist nur da möglich, wo man an ihn glaubt. Wenn die Öffentlichkeit an den Frieden glauben kann, kann sie ihn durch einen Ring von Argumenten und legitimierten Personen nach innen, zum Zentrum der Gewalt hin, durchsetzen und dem Krieg dadurch den Boden entziehen, dass sich immer weniger Leute an ihm beteiligen.
Es ist wahr, dass der Palästina-Israel-Krieg eine lange und schreckliche Tradition hat. 35 Jahre lang hat es kaum Bewegung gegeben, das ist entmutigend. Jedoch haben sich in diesen 35 Jahren anderswo Veränderungen ergeben. Die Entstehung einer neuen Art von Welt-Öffentlichkeit durch das Internet, die sich erst jetzt, in diesen Jahren durchsetzt, scheint mir die wesentlichste Veränderung zu sein. Aber auch der Elfte September setzte neue Maßstäbe und machte uns klar, dass die Welt schwere Konflikte unter der Oberfläche getragen hat und trägt.
Es ist nicht notwendig und nicht förderlich, diese Konflikte mit Gewalt auszutragen. Wichtig ist, den Konflikt benennen und genau beschreiben zu können. Das ist gar nicht so schwierig. Es braucht nur einen Palästinenser und einen Israeli, die zusammen ein Geschichtsbuch schreiben. Da wird sofort klar werden, wo die Konflikte liegen, und Deutschland und die USA sowie weitere Länder werden merken, dass sie weit mehr mit dem Konflikt zu tun haben, als ihnen lieb ist. Lasst uns also dieses Geschichtsbuch schreiben und öffentlich diskutieren. Es kostet auch nicht so viel, wie Krieg zu führen. Solchen konstruktiven Lösungsansätzen steht nichts im Weg, besonders, wenn die israelische Besatzung Palästinas aufhört, für die es keinerlei völkerrechtliche Basis gibt.
Wir leben in einer Welt, in der der Glaube an das Paradies verloren gegangen ist. Was uns bleibt, ist der Glaube an die Hölle. Denn der Krieg ist real, und prüfen Sie selbst, welcher Stimme Sie mehr Vertrauen geben, der Stimme, die sagt, dass es keinen Ausweg aus dem Krieg gibt und dass er sich aufgrund seiner Komplexität und Tradition auf unabsehbare Zeit ausdehnen und vermutlich noch schlimmer werden wird, oder der Stimme, die sagt, dass es Lösungen für diesen Krieg gibt, und dass man selbst etwas dafür tun kann.
Diese Mentalität nehme ich allerdings nicht zum Anlass, meinen Glauben an das Paradies zu schmälern oder aufzugeben. Ein großer Wunsch braucht Formulierung, Manifestierung und den Glauben an sein Eintreten. Eine große Hoffnung besteht darin, dass die Mehrheit der Palästinenser und die Mehrheit der Israelis diesen Krieg nicht wollen.
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