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| ESSAY (2) |
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Trance-Techniken und Bewusstseinsänderungen:
ein Erfahrungsbericht von Anis Hamadeh, Kiel, den 05.11.99
Vorbemerkung: Bevor eine Trance-Technik einsetzen kann, bedarf es einer inneren Bereitschaft. Meist geschieht sie durch das Einsetzen eines überwältigenden Gefühls wie Wut, Verliebtheit, Angst, Trauer oder Freude, das ein Ventil braucht, um bewältigt zu werden. Oder es erscheint eine Idee (Inspiration), die ausgeführt werden möchte. In diesen Fällen ist es ein Drang, der die Trance-Bereitschaft enorm fördert. Trance-Bereitschaft ist Bereitschaft zum Kontrollverlust. Es bedarf einiges Vertrauens, um diesen zuzulassen. Das Unbewusste "sucht sich" eine Trance-Technik, um die mit dem Kontrollverlust langsam aufkommende Trance gegen äußere Reize abzuschirmen. Ungehemmtheit ist Bedingung für die Trance. Es kann auch der Fall eintreten, dass z.B. Rhythmen eine Trance einleiten, ohne dass vorher erkennbar war, dass ein kreatives Potential aktiviert ist. Nicht alle Trancen führen zu kreativem Output, manche sind innere Reisen, manche sind Heilungen, manche auch sind nicht funktional bestimmbar. Die im folgenden aufgeführten Techniken scheinen mir Allgemeinplätze zu sein, gerechtfertigt vielleicht nur durch die individuelle Art meiner aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen. Viele der Techniken wurden entwickelt, indem kindliche Riten wiedergefunden und kultiviert wurden. Ich greife hier also ausschließlich auf eigene Erfahrungen zurück. Dennoch verzichte ich aus stilistischen Gründen nach Möglichkeit auf die Ich-Erzählung und bringe sie auf eine objektivere Ebene, wobei ich auch den Ausdruck "der Proband" verwende, um mich zu distanzieren. Das gilt nicht für die kursiv gedruckten Erlebnisberichte. Ungenauigkeiten, Widersprüche, Wiederholungen und sonstige Mängel bitte ich zu entschuldigen, da hier vieles zum ersten Mal formuliert wird.
Bluesspiel auf der Gitarre - Beim Spielen zyklischer Musikstücke versinkt man und entfernt sich von der Außenwelt. Der "Groove" beherrscht dann die Situation, das Ich verschwindet, die Trance verfestigt und stabilisiert sich. Es ist eine Art der Selbsthypnose. Sie äußert sich durch immer variationsreicheres Spiel und durch aufkommende Inspirationen, die sich in der Präsentation der Musik manifestieren, sowie in Ideen für neue Songs. Der Proband gehorcht sich ganz und befiehlt sich nicht. Er lässt seinen Körper gewähren, wenn der sich bewegen will, was auch oft der Fall ist.
Singen - Beim Singen ohne oder mit begleitendem Gitarrenspiel geschieht ähnliches. Der Körper hat beim reinen Singen - ohne die Konzentration auf die Gitarre lenken zu müssen - verstärkt das Bedürfnis, sich zu bewegen, zu tanzen, oder in anderer Form den Rhythmus körperlich mitzumachen. Der Körper will dann der Rhythmus sein.
Musik Hören - Beim Hören von rhythmischer Musik, ausgelöst wiederum im wesentlichen durch den Groove, kann eine Trance eintreten.
Regen - Das monotone Fallen von Regen führt zu Trancen auf dreierlei Art: durch den akustischen und durch den visuellen Rhythmus und durch die Berührung des Regens mit dem Körper. Ein gleichmäßiges langsames Spazierengehen fördert den Trance-Eintritt. Meeresrauschen hat einen ähnlichen Effekt. Bei einem Spaziergang im Park um den großen Teich herum begann es recht heftig zu regnen. Ich hatte keinen Schirm dabei und wollte nicht auf den Gang verzichten. Also ignorierte ich den Regen und ging langsam weiter. Die auf dem Teich zerplatzenden Tropfen und meine eigene Durchnässung versetzten mich in eine leichte Trance. Ich ging aufrecht und gerade, bekam kleinere Blickstarren und ignorierte die Gesichter mir entgegenkommender Passanten. Als ich auf der anderen Seite des Teiches angekommen war, hatte sich die Trance stabilisiert. Ich trat unter einen ausladenden Baum, der am Ufer steht und in den Teich hineinragt.Unter diesem Schutz betrachtete ich minutenlang die Weite des Teiches mit Blickstarre und fiel in Tieftrance, während ich unbewegt dastand. Ich empfand es (aber erst einige Wochen später) als eine Art Auftanken des Energiedepots, auch einer Art von Selbstheilung, etwa wie eine Bestrahlung. Es muss wohl einen Unterschied zwischen kreativen und regenerativen Trancen geben.
Bewegung - Oft setzt eine leichte Trance beim Spazierengehen oder Fahrradfahren ein. Sie kann - wie übrigens oft - von Außen kaum identifiziert werden. Einige Songs des Probanden sind beim Spazierengehen entstanden, meist abgeleitet vom Rhythmus des Ganges. Der Rhythmus verselbständigt sich dann und funktioniert wie ein Drum-Pattern, welches zu Kompositionen animiert. Auch bei Aufräum-, Putz- und Ordnungs-Meditationen kann es zu recht tiefen Trancen kommen.
Natürliches Licht - Scheint die Sonne in einen Teich oder einen Baum, sodass Lichtblitze entstehen und strahlende Farben, so kann das die Trancebereitschaft fördern oder eine Trance einleiten.
Künstliches Licht - Ein Computerbildschirm hat - besonders bei Schreibtrancen - einen trancefördernden Effekt. In gewisser Weise auch der Fernsehbildschirm.
Muster und Landschaften - Muster wie z.B. Baumstrukturen fördern die Trance-Bereitschaft, sowohl die Struktur des Blätter (und ihre Farben), als auch die der äste. Hier ist ebenfalls die Bewegung förderlich, nämlich das Vorbeigehen beim Spaziergang oder Fahren im Zug. Je mehr Sinne an der Wahrnehmung beteiligt sind, desto besser.
C. Weitere (auto-) suggestive Techniken
Schreibtrance - Oft sagt eine innere Stimme dem Probanden, dass er schreiben soll. Er sitzt dann am Computer, und durch die Konzentration auf die Aufgabe beginnt die Trance schnell. Nach den ersten geschriebenen Sätzen "übernimmt" das Unterbewusstsein die Kontrolle und schreibt weiter. So entstehen Gedichte, Satiren, Geschichten, Songs, Briefe u.a. Zugrunde liegt ein Bewusstsein darüber, dass das Resultat "rund" sein wird. Viele vor Publikum erfolgreiche Texte des Probanden entstanden so. Obwohl minutiös durchstrukturiert, sind sie doch spontan und ohne vorige Gliederung sowie ohne Planung der Pointe geschrieben worden. Es ist ein Spiel, es ist ein Selbsttest jedesmal. Auch ein Orakel und eine Dokumentation.
Wellenreiten - Eine weitere, nicht zu unterschätzende Technik ist es, mit dem emotionalen Motor eines gerade vollendeten kreativen Outputs gleich zum nächsten zu wechseln. Man kann das mit Wellenreiten vergleichen. Man bemüht sich, die Welle nicht zu verlassen. In Selbsttests sind fast unbegrenzte Möglichkeiten entdeckt worden. So kamen durch Training bis zu sieben Songs an einem Tag mehrmals vor, auch drei bis vier qualitativ hochwertige literarische Texte (dokumentiert im Leere - Durch Fasten und zen-buddhistische Selbstleerung (Ich bin Nichts) können Trancen provoziert werden. Auch Koan-Meditationen gehören hierzu.
Hypnose - Der Proband kennt die Erfahrung, in den Augen eines anderen Menschen zu versinken, ebenso wie es ihm andersherum bereits gelungen ist, andere in den Bann zu ziehen. Diese Techniken sind nicht weiter verfolgt bzw. in Bühnenauftritten oder Inszenierungen ritualisiert worden.
Permanente Trance - Im Mai bis zum September 1998 ist es dem Probanden mit Unterbrechungen gelungen, Trancezustände auf mehrere Wochen auszudehnen. Er befahl sich nichts mehr und ließ sich vom Unterbewussten leiten. Hier wurde systematisch - und im Verlauf des Versuchs mehr und mehr unbewusst - alles selektiert, was trancefördernd wirkt und alles ausgeschaltet, was hemmend wirkt. Die Tieftrance-Phasen verdichteten sich. Der Proband fühlte sich wie ein gläserner Mensch, weil er sein Leben so weit vereinfacht hatte, dass er nichts mehr zu verbergen hatte. Auch fühlte er sich als ein Spiegel, der nur reflektiert, was er wahrnimmt und nicht mehr selbst handelt. Dokumentiert wurden die Vorgänge in den Songs, Gedichten, Briefen, Gesprächen und Geschichten aus dieser Zeit, in der sehr schnellen Fertigstellung seiner ersten CD und der Sprüchesammlung "The Book of Games", die in ihrem Basisbestand aus einer langen Tieftrance stammt. Permanent heißt hier, dass der überwiegende Teil der Zeit in hoch sensibilisierter Verfassung verbracht wurde. Insgesamt ist der Vorgang zeitlich immernoch zu nah, um ihn zu verstehen. Es handelte sich aber, wie im Nachhinein klar wurde, um den Versuch des Unterbewussten selbst, die Länge und Tiefe von Trancen zu erkunden und zu dokumentieren. Gleichzeitig ging es um die wichtige Frage, ob lange Phasen von Euphorie zwangsläufig eine Depression nach sich ziehen oder nicht. Der Proband kam zum vorläufigen Ergebnis, dass dies nicht der Fall sei, ist sich aber der Tatsache bewusst, dass dieses Ergebnis im Widerspruch zur etablierten Meinung steht. (NB: Selbst John Lennon schrieb in dem Song "Everybody's got something to hide" die Worte "The higher you fly the deeper you go, the deeper you go the higher you fly", wobei "going deeper" zweierlei bedeuten kann, die Depression aber sicherlich mitmeint.) Dieser ausgedehnte und erkenntnisreiche Selbstversuch musste aus sozialen Gründen abgebrochen werden.
2. Trance-Glossar hinsichtlich der Bewusstseinsveränderung
Vorbemerkung: Als Künstler interessieren mich die Wege zur Trance weniger als die Trance selbst und die damit verbundenen Erfahrungen und Werke. Die Frage "Wie erreicht man eine Trance?" erscheint mir sogar ungenau. Davor noch nämlich stellt sich die Frage: "Warum will man eine Trance erreichen?", denn die tiefe Trance ist eine Art Orakel, sie stellt etwas Heiliges für mich dar, was auch in der Tatsache begründet ist, dass man sie nicht auf Kommando erreichen kann. Für den Versuch dieser Darstellung der typischen Merkmale meiner Trancen wähle ich die assoziative Form eines Glossars, weil diese Merkmale heterogen und nicht hierarchisch oder auch taxonomisch fassbar sind.
Die Erstellung von Biorhythmen bzw. ein Kreativ-Tagebuch kann Aufschluss geben über die verschiedenen Phasen von Trance-Bereitschaft eines Probanden. Sensibilisierungstechniken jeder Art sind der Schlüssel für methodische Trance-Induktion, falls es eine solche gibt und falls so etwas sinnvoll ist. Viele sensibilisierte Menschen haben eine Metapher wie die der Antenne. (NB: Der Jazzsaxophonist John Coltrane sprach von seinem Spiegel, den er sauberkratzen müsse.) Das Unbewusste wird beim Kontrollverlust zum Antennen-Ich. Auch Reize von sehr weit weg scheinen aufgenommen werden zu können.
Alle Trance-Erlebnisse prägen sich tief in das Gedächtnis, weil sie tief erlebt sind. Manchmal spürt man schon während der Trance, wie sich die Eindrücke im Unterbewusstsein ablagern werden. In solchen Momenten kann man sich kurzzeitig der eigenen Trancetiefe bewusst werden. So, wie man Sonnenstrahlen auf der Haut brennen spüren kann. Texte oder Songs, in tiefer Trance geschrieben, halten sich mit weniger Schwierigkeiten auswendig als sonstige.
In einer Trance schrieb ich das folgende Gedicht, um dieses Phänomen einzufangen. Es ist vom 16.04.99, heißt "Ohne Anstrengung" und lautet:Ohne Anstrengung fällt der / Stein ins Wasser / Ohne Anstrengung / kreisen die Kreise / von innen nach außen / Situationen in der Situation / Aus dem Nucleus geborene / Bahnen / Unsichtbar / wie Nachträuber die Maus / umkreisen, wie Freund und Feind / sich finden, sich / stören / Krummes wird gerade / Halte die Steine in der Hand / ohne Anstrengung. So kann man, wenn von der Situation gelöst, empfänglich sein für starke Bilder aus dem unbewussten Bereich. Diese können mit der Vergangenheit zu tun haben oder oder mit vielen anderen Dingen. Bei einigen dieser Visionen scheint es eine wesentliche Voraussetzung zu sein, dass das Medium ein ausgeprägtes Todesbewusstsein hat.
Vom CD-Booklett: Anis Electric
- The Story Usually it takes more time to finish a song. This time, my focus point was not the beauty of the individual song, but the attempt to produce a complex musical unit in one breath. The whole process was an experiment to search for the limits of inspiration. There are no limits to inspiration. The songs were written and recorded in the very order they appear on the CD. To my knowledge, such an enterprise is unprecedented in pop history. Hopefully, the "Anis Electric" will be re-recorded with a group and thus reveal its true power and rhythmical depth.
Ende : Trance-Techniken und Bewusstseinsänderungen: ein Erfahrungsbericht von Anis Hamadeh |
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