home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   neue blätter

Neue Blätter (20)

"Warum bleiben wir zurück, während sie vorankommen?"
Araber und Muslime im neuen Jahrhundert

Anis Hamadeh, 24.08.03
(English Version)

Wenn es um das Verhältnis zwischen dem Osten und dem Westen geht, fragen Muslime und Araber häufig: "Warum bleiben wir zurück, während sie vorankommen?" Man findet diese Frage auch in arabischen Quellen, vielleicht schon seit 1798, als Napoleon Ägypten angegriffen hat. In moderner Zeit wurde sie durch die Teilung des Nahen Ostens von den Briten und den Franzosen populär. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1967, als mehrere arabische Staaten den Sechs-Tage-Krieg verloren. Bereits die Gründung Israels 1948 wurde aufgrund der Vertreibungen und der Landnahme die "Nakba" ("Desaster") genannt.

Nun sind die arabischen Staaten nicht die einzigen, die schmerzvolle Erinnerungen haben, sogar die USA kennen das. Vietnam, zum Beispiel, oder der Irak. Und die US-Amerikaner fragten kürzlich in ähnlicher Weise: "Warum hassen sie uns?" Beide Fragen sind latent selbstkritisch und beide enden in der Schwerelosigkeit, denn es sind keine gesicherten Antworten im Kollektivbewusstsein überliefert. Andernfalls wäre "Warum bleiben wir zurück, während sie vorankommen?" nicht mehr auf dem Markt. Ist es aber. Muslime und Araber in der ganzen Welt fragen sich auch heute, warum ihre Kultur und Zivilisation nicht so kraftvoll und erfolgreich ist wie das westliche System.

Man kann mit Recht argumentieren, dass die Menschen im Westen ebenfalls nicht glücklich sind, doch ist das Thema damit in keiner Weise geklärt. Es gibt im Westen allgemein eine bessere Organisation, ein besseres Sozialsystem, ein besseres Erziehungssystem und insgesamt mehr Freiheit. Ein plausibler Grund dafür ist, dass westliche Gesellschaften im allgemeinen weniger autoritär sind als östliche, trotz des reaktionären Trends zurück zum traditionellen nationalen Staat wie etwa in Israel und in den USA.

In den meisten, wenn nicht in allen arabischen und muslimischen Ländern findet man folgende Charakteristika: Jungen und Mädchen werden in den Schulen getrennt. Es gehört sich nicht, in der Öffentlichkeit Zuneigung zum anderen Geschlecht zu zeigen. Frauen und Männer können nicht Hand in Hand durch die Straßen gehen (Küssen wäre undenkbar). Männer und Frauen haben große Schwierigkeiten, vor einer Heirat zusammenzukommen. In Dörfern gibt es eine Geschlechtertrennung sogar bei Hochzeiten. Nicht selten werden Leute von ihren Eltern verheiratet bzw. zur Heirat gedrängt, besonders Mädchen und Frauen. Auch habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie Lehrer in einer Grundschule (in die mein Vater gegangen war) Kinder mit einem Stock geschlagen haben. Das sind keine Ausnahmen, es ist eine vorherrschende Mentalität.

Es gibt Machotum auch im Westen, und es gibt Gewalt. Man kann das exquisit daran erkennen, wie die Menschenrechtsverletzungen eines bestimmten Landes in westlichen Öffentlichkeiten euphemisiert werden: Wer Menschenrechtsverletzungen in einem anderen Land verteidigt, der verteidigt die autoritäre Gesellschaft in der eigenen Umgebung. Mit anderen Worten: Solange dieses Land ungestraft die Menschenrechte verletzen kann, können wir auch unsere Kinder (Frauen, Schüler, Angestellten etc.) zu Hause kontrollieren. Dennoch sind die im vorigen Absatz genannten Verhältnisse in westlichen Gesellschaften heute eher fremd.

Wer also wissen möchte, warum Muslime und Araber hinterherhinken, während der Westen vorangeht, bitteschön! Der Westen kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Selbst das Argument, dass die Einführung von Freiheit im Osten am fehlenden Personal scheitert, ist nicht gültig, denn es gibt genügend einheimische Politiker, Journalisten, Anwälte, Intellektuelle und Künstler, die sich aktiv für Freiheiten einsetzen. Sie haben es schwer in ihren eigenen Ingroups.

Wollen Araber und Muslime wissen, warum sie hinterherhinken, während der Westen vorangeht oder wollen sie im Selbstmitleid schwelgen? Warum lassen sie zu, dass Kreativität und Sexualität kontrolliert werden, wie die Kirche es in Europa vor einigen Jahrhunderten tat? Natürlich kann die Arabische und Islamische Welt vorankommen, wenn es die Menschen dort wollen. Sie können das kreative Potenzial, das nötig ist, um diesen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, systematisch befreien und näher zurückkommen zur Idee der egalitären Gemeinschaft, dem ursprünglichen islamischen und auch christlichen Gedanken. Wenn sie es wollen.

Wenn ich Kinder in einer arabischen Straße sehe, frage ich mich, wie diese Kinder aufwachsen werden. Werden sie zu Hause oder in der Schule geschlagen? Werden sie die Chance bekommen, glücklich zu werden? Oder sind sie verdammt dazu, in den Fußstapfen ihrer Eltern zu gehen und deren Schmerz wieder und wieder durchzumachen? Jahrhundertelang haben Eltern ihre Resignation und Verzweiflung, ihre Abhängigkeiten und Ängste an ihre Kinder tradiert, wie sie sie selbst überliefert bekommen haben, in Schweigen. Sie haben nicht gelernt, ihre eigenen Gefühle zu verstehen und kennen kaum Selbstkritik. Viele sehen Kritik und Gewalt als Dinge an, die Schmerz bringen, ohne zwischen den beiden unterscheiden zu können. Es gibt einen nicht hinterfragten, manchmal mittelalterlichen, Glauben an Autoritäten. Deshalb hinken sie hinterher. Und auch der Westen hinkt weit hinter dem Ideal her, sodass diese Worte in der Tat für beide gelten können.


  new pages index  



"Why do we lag behind while they move forward?"
Arabs and Muslims in the new century

Anis Hamadeh, August 24, 2003

Concerning the relationship between the East and the West, Muslims and Arabs often ask: "Why do we lag behind while they move forward?" This question can also be found in Arabic sources, maybe even since 1798, when Napoleon invaded Egypt. In modern times, the partition of the Middle East by the British and the French made it popular, and it reached its climax in 1967, when several Arab states had lost the Six-Days-War. The foundation of Israel in 1948 was called the "Nakba" ("disaster"), because of the expulsions and the land-taking.

The Arab states are not the only ones which have painful memories, however. Even the USA has them. Vietnam, for instance, or Iraq. And the US Americans, in a similar way, recently asked: "Why do they hate us?" Both questions are latently self-critical and both end in zero-gravity, as no stable answers are transmitted in the collective consciousness. Otherwise, "Why do we lag behind while they move forward?" would not be on the market anymore. But it is. Muslims and Arabs around the world are wondering until today why their culture and civilisation is not as powerful and successful as the western system.

One can rightly argue that people in the West are not happy, either, but this does in no way erase the issue. People in the West generally have a better organisation, a better social system, a better educational system, and all in all more freedom. A plausible reason for this is that western societies generally are less authoritarian than eastern ones, despite the reactionary trend back to the traditional national state e.g. in Israel and in the USA.

In most, if not all, Arab and Muslim countries you will find the following characteristics: boys and girls are segregated in schools. It is bad manners to show affection to the opposite sex in public. Women and men cannot walk hand in hand in the streets (kissing being even unthinkable). Men and women have great difficulties in coming together before marriage. In villages there sometimes is a gender segregation even at weddings. Sometimes people are married to others by their parents, or the parents build up a pressure. I also saw with my own eyes how teachers in an elementary school (where my father went as a kid) beat children with a stick. These are no exceptions, it is a prevailing mentality.

There is machism also in the West, and there is violence. You can exquisitely tell by the way the human rights violations of a certain country are euphemized in western publics: when you defend human rights violations in another country, then you defend the authoritarian society in your own surroundings. In other words: as long as this country can violate the human rights without punishment, we can control our kids (or wifes or students or employees etc.) at home. Still, the items mentioned in the preceding paragraph are rather alien to western societies today.

So if anybody wants to know why Muslims and Arabs lag behind while the West moves forward, here you are. The West cennot be made responsible for this. Even the argument that the implementation of freedom in the East lacks staff is not valid at all, for there are indiginous politicians, writers, lawyers, intellectuals and artists who actively seek to establish liberties. They have a hard time in their own in-groups.

Do Arabs and Muslims want to know why they are lagging behind while the West moves forward or do they want to indulge in self-pity? Why do they allow people to control creativity and sexuality like the church did in Europe some centuries ago? The Arab and Muslim World can of course move forward, if people there want to. They can systematically liberate the creative potential which is needed to master this inferiority complex and to get back closer to the idea of an egalitarian community which is the original Islamic idea as it is the Christian idea. If they want to.

When I see children in an Arabian street I ask myself how these children will grow up. Will they be beaten at home or at school? Will they get a chance to become happy? Or are they condemned to walk in the foot-prints of their parents and to repeat their pain over and over again? Centuries have passed and parents have transmitted their resignation and despair, their dependencies and fears to their children, just as they received it themselves, in silence. They did not learn to understand their own feelings and they don't know much about self-criticism. Many view criticism and violence as things which bring pain, without being able to distinguish between the two. There is an unquestioned, sometimes medieval, belief in authorities. This is why they are lagging behind. And the West, too, is lagging far behind the ideal, so that these words actually are valid for both.
                                  up