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Neue Blätter (19)

Über Kultur
Anis Hamadeh, 30.05.2003

"Kultur" bezeichnet in unserer Alltagssprache meist ein Segment des gesellschaftlichen Lebens, zu dem Sparten wie Musik und Theater gehören, Kunst, Bildung und Tradition (Kulturerbe), es gibt "Kulturveranstaltungen" und entsprechende Rubrizierungen in Politik und Presse. Dieses Alltagsverständnis von Kultur soll hier hinterfragt werden, da es - so die These - die deutsche Reformdebatte verzerrt und sogar verhindert. Die Gesellschaft fasst ihre Probleme größtenteils als wirtschaftliche Probleme auf und konzentriert die Debatte darauf. Dies ist insofern bequemer, als man es dann im wesentlichen mit Zahlen zu tun hat, mit abstrakten Größen, die man gegeneinander aufrechnet. Ich behaupte dagegen, dass es sich stattdessen in der Hauptsache um kulturelle Probleme handelt, die durch Reformen angegangen werden müssen.

An der Basis betrachtet ist die Kultur das Gegenstück zur Natur. Kultur als das von Menschen (mit einem Bewusstsein) Gemachte und Natur das Übrige. Im Lateinischen bedeutet "cultura": "1. Bearbeitung, Anbau; 2. Ausbildung, Veredelung; 3. Verehrung, Huldigung", abgeleitet von "cultus" mit ähnlichen Bedeutungen (sowie "Schmuck" und "Lebensweise"). Da wir in einer Zeit leben, in der man typische Kultur gern in eine "Klassik" und ein konserviertes Kulturerbe projiziert anstatt sie als einen Teil des eigenen Lebens zu begreifen, ist bei uns Kultur Teil der Soziologie (Politik, Verwaltung, Wirtschaft etc.), und nicht umgekehrt, wie man es sich auch vorstellen kann, wenn man z.B. Begriffe betrachtet wie Esskultur, Badekultur, Wohnkultur, und besonders politische Kultur oder Streitkultur. Ist Kultur also Teil der Ökonomie oder ist Ökonomie Teil der Kultur?

In der Frage nach Reformen in unserer Gesellschaft müssen wir uns über unsere Prioritäten im Klaren sein. Provokativ gesagt: Geht es um das Goldene Kalb oder geht es um das Glück und die Freiheit der Menschen? In der Selbstbeschreibung von Kulturattac (www.kulturattac.de) beispielsweise heißt es: "Kultur ist die Basis, auf der jeder von uns täglich Entscheidungen trifft. Kultur ist das Bindeglied der Gesellschaft, das Zusammenhalt schafft. Darum braucht eine andere Welt auch eine andere Kultur." In diesem Verständnis ist Kultur etwas Grundlegendes, Umfassendes. Ein Aufruf zur Reform bedeutet hier nicht, Gelder neu zu verteilen, sondern z.B., von einer Angstkultur zu einer Streitkultur zu gelangen, denn das Problem der Gesellschaft ist der Isolationismus und Nihilismus, und dem kann man nur entgegentreten durch das Schaffen von Zusammenhalt und Identität.

Nehmen wir als Beispiel den aktuellen Fall des katholischen Priesters Gotthold Hasenhüttl, der auf dem diesjährigen Kirchentag das päpstliche Verbot des gemeinsamen Abendmahls zwischen Evangelen und Katholiken umging und damit eine Diskussion auslöste. Durch seinen gewaltlosen Akt hat der Priester und Theologieprofessor kulturell gewirkt. Der große Andrang von 2000 Gläubigen beider Konfessionen machte eindrucksvoll deutlich, dass weite Teile der Basis das päpstliche Verbot nicht verstehen und auch nicht wollen bzw. Erklärungsbedarf haben. Eine Gegenkultur, in der das gemeinsame Abendmahl im Experiment geprüft wird, wobei das Experiment sicher die Reaktionen miteinschließt.

Anhand eines Zeitungskommentars zu diesem Thema lässt sich beispielhaft deutlich machen, dass eine gesellschaftliche Abneigung dagegen besteht, kontroverse Themen zu diskutieren. "Einheit lässt sich nicht erzwingen" ist der Titel des Kommentars von Patrick Klein in den Kieler Nachrichten am 30.05.03 auf Seite 2. Darin heißt es: "Die theologischen Differenzen im Abendmahlsverständnis sind vielen Laien sicher nicht verständlich zu machen. Fakt ist aber, dass es sie gibt. Das ist zu akzeptieren, mindestens aber zu respektieren. Auch das meint Ökumene. Gemeinschaft und Einheit lassen sich nicht erzwingen." Was für ein Zwang? Anstatt die Differenzen zu erläutern, wie es einem Zeitungsleser normal erscheinen würde, wird hier schlicht die Meinung einer Hierarchiespitze verteidigt, und zwar, "weil es sie gibt". Der inhaltliche Diskurs wird zweitrangig. "Spektakuläre Aktionen sind eher kontraproduktiv, denn so werden wichtige Gesprächsbrücken leichtfertig zerstört." Hier wird die Aktion gar nicht als wichtige Gesprächsbrücke erkannt, weil als Gesprächsteilnehmer nur eine Hierarchiespitze in Frage kommt, was im Grunde zur Null-Aussage führt: Wir dürfen das Gespräch über die Sache nicht führen, damit es geführt werden kann. Die Definition von "Gespräch" als von oben ausgehend ist eine typische Manifestation unserer vorherrschenden isolationistischen Angstkultur. Dieselbe autoritäre Argumentation zeigt sich z.B. in der öffentlichen Kritik an der US-Regierung.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft, für den die Kultur - und selbstverständlich auch die Streitkultur - sorgen kann, wird hier von der Presse gar nicht gewünscht, sondern sie wollen Hierarchien und die Ruhe im Karton. Es wirkt fast schon neurotisch, mit welchem übertriebenen Eifer Reformen z.B. von der Presse verhindert werden: "Da wirkt es bisweilen fast schon neurotisch, mit welchem übertriebenen Eifer die Reformgruppen für das gemeinsame Mahl streiten."

Die Befreiung der Medien, der Kommunikation, Information, Kunst und Kreativität ist der entscheidende Weg für die Befreiung der Menschen aus den starren Strukturen, die die Welt zu dieser Krise geführt haben. Dies bedeutet eine neue Kultur, die frei ist von autoritären Diskursvorgaben. Eine Kultur, die die Fragen der Zeit aufgreift und sie nicht im Zuge der allgemeinen Einsparungsmaßnahmen wegkürzt. Eine Kultur, die für die ganze Gesellschaft gilt, und durch das Zusammenrücken und die Notwendigkeit der Verständigung der Zivilisationen auch für die ganze Welt.