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Neue Blätter (18)

Über die Streitkultur
Anis Hamadeh, 28.04.2003
(English Version)

Die Demokratie ist eine Ordnung, die es ermöglicht, gesamtgesellschaftliche Entscheidungen gewaltlos zu erarbeiten und zu treffen. Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Meinungen geschieht durch das pluralistische Prinzip: Jeder kann seine Meinung sagen und versuchen, Unterstützung dafür zu finden, um so am politischen Prozess teilzunehmen. Thesen stoßen auf Antithesen und auf Alternativen, oft kommt es zu Synthesen oder zu Kompromissen oder auch zur Durchsetzung einer einzelnen Meinung, wenn sie überzeugend ist. Eine Rolle der Kultur in der Gesellschaft ist die Erleichterung der politischen Auseinandersetzung durch die Bereitstellung von Umgangsformen, Bildung, Referenzen wie Bücher, Geschichte und Kunst, und ähnlichem.

Funktioniert diese Demokratie in der Gesellschaft? Stoßen Thesen wirklich auf Antithesen, Zustimmung und Ablehnung, oder stoßen sie auf Schweigen und Ausgrenzung? Vielerorts lässt sich nämlich eine allgemeine Konfliktscheu ausmachen, sei es in den Familien, den Schulen, den Firmen, den Fernsehsendern und auch den Friedensbewegungen in der Welt. Diese Konfliktscheu wird begründet mit dem Wert der Wahrung von Einigkeit, mit der angeblichen Sinnlosigkeit von Konflikten, mit Harmoniebedürfnissen, mit dem Primat der Autorität, oft wird es auch einfach als Charaktereigenschaft hingenommen: Ich streite nicht gern, gehe Konflikten lieber aus dem Weg, brauche so etwas nicht, stehe darüber etc.

Anlass dieses Artikels war ein Porträt des erfahrenen Fernsehjournalisten Gordian Troeller (NDR, 26.04.03, 23.30, "Zwischen allen Stühlen auf dem richtigen Platz"), dessen Dokumentationen aus den armen Teilen der Welt zu den besten gehören. Troeller hatte und hat es mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, Menschen, die eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur haben, andere Besitzverhältnisse und so weiter. Das Vertrauensverhältnis, das Troeller jedesmal aufbauen kann, erklärte er damit, dass er mit seinem fremden Gegenüber scherzend streiten kann. Wenn man sich die jeweiligen Vorurteile gegenseitig zuruft und sich dabei ständig einer Ironie gewärtig ist, lernt man sich kennen und kann einander einschätzen.

Deutsch... klingt das nicht gerade. In der Kultur, in der ich sozialisiert wurde, gab es kaum offene Konflikte. Das muss auch nichts Schlechtes sein, denn wenn die Leute mit sich selbst und miteinander im Reinen sind, dann gibt es tatsächlich keine Konflikte, und das ist ein legitimes Ideal. Das Problem ist, die Leute sind meist nicht im Reinen mit sich selbst und miteinander. Von einer Streitkultur sind wir entfernt. Stattdessen verkümmern Gefühle oft oder stauen sich.

Dass Politik in erster Linie Verständigung ist, wird häufig übersehen. Zur Verständigung ist es nicht nur notwendig, Entscheidungen zu treffen, sondern vor allem, miteinander zu reden, Dinge übereinander zu lernen und gemeinsame Erfahrungen zu machen. Die Streitkultur bringt gesellschaftliche Sicherheit durch das Wissen über den anderen und den Respekt der Meinung des anderen. In der Kultur der Konfliktscheu nämlich setzen sich regelmäßig autoritäre Meinungen durch, weil es in ihr viel mehr Ängste gibt, was seit Menschengedenken autoritär ausgenutzt wird, durch Kontrolle, den Aufbau von Tabus, die Propagierung der eigenen Bedrohung oder des eigenen Opfertums, durch Einschüchterung und durch vielfältige Formen der Abhängigkeit und des unwidersprochenen eigenmächtigen Schaffens von politischen Tatsachen, die einer Zustimmung bedurft hätten.

Wenn ich zwei politische Artikel lese, von denen mir der erste sehr gefällt, ich jedoch keinen Draht zum Autor finde, während ich den zweiten in den wesentlichen Punkten ablehne, jedoch mit der Person gut auskommen und gut streiten kann, dann ist mir die zweite Person wichtiger, denn ohne Streitkultur nützt auch kein guter Artikel etwas. Natürlich zählen die Menschen hinter den Meinungen, denn die wirkliche Welt ist die der Menschen, nicht die der Meinungen.

Mit Dingen wie Kritik, Konfrontation, Schuld, Fremdem umzugehen, ist keine leichte Sache. Man muss sich zeigen können, sich formulieren können, sich kennen, man muss immer wieder Energie aufwenden. Der Lohn dafür ist Menschsein, Lebensnähe. Und die Bereicherung vom Wissen und Wesen der anderen. Und Entwicklung hin zur Entfaltung.

Dies gilt für Einzelpersonen so wie für politische Parteien, die im Idealfall zusammen mit den gesellschaftlichen Eliten die Streitkultur vorleben und repräsentieren. Wenn es um die Frage geht, warum unsere Gesellschaften so verkrustet sind, so wenig innovativ, so egoistisch und reform-unwillig, dann liegt das zu einem guten Teil am Verlernen und Nichtlernen der Streitkultur, die eine tolerante Gesinnung voraussetzt. Es bedarf einiger Übung, um zu streiten, und den anderen dabei zu respektieren. Bevor wir über politische Entscheidungen sinnvoll verhandeln können, müssen wir einander kennen, und zwar von beiden Seiten: als Freund und als Feind.



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On Streitkultur
Anis Hamadeh, April 28, 2003

Democracy is an order which enables us to nonviolently elaborate general social decisions and to make them. The process of decision-making among the different opinions takes places via the pluralistic principle: everybody can utter their opinions and can try to find support for them, and thus participate in the political process. Theses meet antitheses, often we reach syntheses or compromise or also the victory of a single opinion, if it is convincing. One role of culture in society is the facilitation of political debates by providing manners, educational knowledge, references like books, history and art, and similar things.

Does this democracy function in the society? Do theses really meet antitheses, agreement and disagreement, or do they meet silence and outlawing? For in many places we can find a general conflict aversion, be it in the families, the schools, the companies, the TV stations, and also the peace movements in the world. This conflict aversion mostly is justified with the value of unity, with the alleged immateriality of conflicts, with needing harmony, with the priority of authorities, and often it is simply accepted as a part of the character: I do not like to quarrel, I rather avoid conflicts, I don't need that, I am above such things etc.

The article at hand was written on the occasion of a TV portrait about the experienced German TV journalist Gordian Troeller (NDR, April 26, 23.30 p.m., "Between the chairs at the right place"), whose documentaries from the poor parts of the world belong to the best. Troeller has been dealing with the most diverse people, people who speak a different language, who have a different culture, different property circumstances and so on. Troeller explains the relationship of trust which he can build each time and says that he is able to quarrel with his alien vis--vis in a humorous way. When we confront each other with our respective prejudices, while steadily being aware of the irony, then we can learn about each other and are able to assess the other.

This attitude is not exactly... German. In the culture, in which I was socialized, there hardly were any open conflicts. This does not have to be a bad thing, for if people are at peace with themselves and with one another, then there really won't be any conflicts, and this is a legitimate ideal. The problem is that people mostly are not at peace with themselves and with one another. We are far from a "streitkultur", a quarrel culture. Instead, feelings often become stunted or choked.

But politics is in the first place about understanding, this is not sufficiently acknowledged. And for understanding it is not only necessary to make decisions, but, most of all, to talk with each other, to learn about each other and to share experiences. The streitkultur brings social security through the knowledge about the other and through the respect for the opinion of the other. For in a culture of conflict avoidance, authoritarian opinions regularly prevail, due to the fact that in such a culture there are many more fears, something which has been exploited by authoritarians since the stone age, by means of control, the creation of taboos, the propagation of being threatened or being a victim, by intimidation and manyfold forms of dependency, as well as the unobjected autocratic creation of political facts, which would have needed an authorization.

When I read two political articles, the first of which I like very much without finding a wavelength to communicate with the author, while I reject the second article in its major points while being able to communicate with its author and quarrel with him or her, then I prefer the second author, because without a streitkultur a good article is of no use. It is of course the humans behind the opinions who count, for the real world is the world of humans, not the one of opinions.

It is not an easy thing to handle criticism, confrontation, guilt, and alien things. You have to be able to show yourself, formulate yourself, know yourself, and continuously spend effort and energy. The reward for this is humanity, closeness to life. And the enrichment by the knowledge and the characters of the others. And development towards unfolding.

This holds true for individuals as well as for political parties which, in the ideal case, give an example of living the streitkultur and representing it, together with the social elites.Whenever the question arises why our societies are so rigid, so little innovative, so egotistic and unwilling of reforms, then a good part of the answer is the unlearning and nonlearning of streitkultur and the necessary tolerant attitude. It needs some practise to quarrel, while still respecting the other. Before we can meaningfully trade political decisions, we must know each other, and this from both sides: as a friend and as an enemy.
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