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Neue Blätter (17)

Über liberalen Islam
Anis Hamadeh, 23.04.2003
(English Version)

Besprechung von: "Die zum Schweigen gebrachte Mehrheit" von Radwan A. Masmoudi, in: "Was ist liberaler Islam?" Journal of Democracy Vol. 14/2 (http://www.journalofdemocracy.org), April 2003, S. 40-44. (auf Englisch)

Ein konstruktiver Artikel über die Zukunft der islamischen Zivilisation. Zu Beginn erklärt Masmoudi den Begriff "Liberaler Islam" und nennt ihn eine Bewegung und "ein Zweig, eine Schule des Islam, in der die menschliche Freiheit im Islam betont wird." Er spricht hier nicht im parteipolitischen Sinne, sondern im Sinne einer liberalen Mentalität, einer, die bereits existiert und die an Boden gewinnt, wie der Autor, Gründungsmitglied des Zentrums zum Studium von Islam und Demokratie in Washington, D.C. (www.islam-democracy.org.), im folgenden ausführt.

Als Orientierungspunkte nennt er "klassische Liberalisten wie Frédéric Bastiat, Ludwig von Mises, oder Friedrich von Hayek" in ihrer Eigenschaft als Unterstützer von "wenig Staat, individueller Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechten." (S. 40). Auf der nächsten Seite zählt Masmoudi einige der bereits existierenden liberalen Muslime auf, für die er diese Beschreibung als zutreffend ansieht. Es sind Tarek al-Bichri und Saleem al-Awwa (Ägypten), Mohamed Talbi (Tunesien), Anwar Ibrahim (Malaysien), Fathi Osman, Aziza al-Hibri und Abdulaziz Sachedina (Vereinigte Staaten), Shafeeq Ghabra (Kuweit), Abdelwahab El-Affendi (Sudan), Nurcholish Madjid (Indonesien), Ibrahim al-Wazir (Jemen) und Abdul Karim Soroush (Iran).

Aber warum repräsentieren sie eine zum Schweigen gebrachte und "überwältigende" Mehrheit? Weil, sagt Radwan Masmoudi, politische Macht und Kontrolle bei zwei Minderheitengruppen liegen, die er "säkulare Extremisten und religiöse Extremisten" nennt (S. 41). Beide jedoch hätten an Legitimation verloren, wegen ihrer kontrollierenden, unterdrückenden und oft genug gewalttätigen Art. Daher gelte für die Mehrheit der Muslime, dass sie "ihre Religion gläubig praktizieren, aber auch in der modernen Zeit leben möchten; sie wollen also eine moderne, moderate und angemessene Interpretation des Islam." (S. 42).

Der Autor sieht wesentliche Impulse für eine Veränderung muslimischer Gesellschaften in westlichen Vorreitern. Am Ende seines Artikels schreibt er: "Die Reformation des Islam wird Freiheit und Demokratie erfordern, und derzeit ist der Westen der einzige Ort, an dem wir das haben. Aus diesem Grunde glaube ich, dass die Reformierung im Westen beginnen wird." Ich erinnere mich an ähnliche Gedanken des ägyptischen Professors Nasr Abu Zayd.

Ich teile die Einstellung und Einschätzung von Dr. Masmoudi, dass eine solche gesellschaftliche Veränderung fällig ist. Auch sehe ich den Vorteil, vom Wissen der westlichen Muslime zu profitieren, die mehr Freiheit kennen. Ja, ich habe eine Vorstellung von einem liberalen Islam, in dem "Glaube und Vernunft zusammengehen" (S. 42). Ich frage mich nur, ob "die internationale Gemeinschaft einen beständigen Druck auf die bestehenden Regierungen ausüben muss, um mehr Freiheit zu erlauben, denn es ist in ihrem Interesse und in dem ihrer Gesellschaften." (S. 43) Dies widerspricht seinem eigenen koranischen Anspruch von "La ikraha fi d-din", ("Es sei kein Zwang in der Religion" S. 40). Man könnte argumentieren, dass die internationale Gemeinschaft nichts mit Religion zu tun hat, aber das ist nicht, was Masmoudi meint.

Die Pfeiler des liberalen Islam sind für ihn "Hurriya" (Freiheit), "Adl" (Gerechtigkeit), "Shura" (Beratung), und "Ijtihad" (Rationale Interpretation). (S. 41) Und in diesem Zusammenhang schreibt er: "Es ist heute notwendig für die muslimische Ummah, dass die Tore des Ijtihad - verschlossen für 500 Jahre - wieder geöffnet werden." Und ja, ja, wir liberalen Muslime grüßen Dich freudig, Bruder Radwan! Also bist Du gegen den "Taqlid", die bloße Übernahme dessen, was die selbsternannten Autoritäten sagen, und seien sie Amerikaner.

Meiner Ansicht nach sehen die westlichen Länder Schwierigkeiten darin, ihren Tugenden wie Demokratie, Freiheit oder Pluralismus, gerecht zu werden, besonders in der Außenpolitik. Es gibt Risse in diesem demokratischen Ideal, insbesondere ein fehlendes Outgroup-Verhalten. Daher scheint es angemessen zu sein, den Begriff Demokratie in seine Bestandteile zu zerlegen und diese zu benennen und in islamischen Begrifflichkeiten neu zu bewerten. In unserer Zeit der schnellen Information überlappen die politisch relevanten Diskurse immer mehr, sie nähern sich an und fordern einander heraus. Eine Wandlung in den arabischen und muslimischen Gesellschaften kann meiner Ansicht nach nur mit einer Wandlung im demokratischen Westen zusammenfallen. Es wird eine andere Art von Reform sein, doch ist es notwendig. Man denke nur an die UN!

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wir leben noch immer in einer Welt der Klassen, der Besseren und Schlechteren, sei es auf der Ebene der internationalen Gemeinschaften oder der von einzelnen Gesellschaften. Wir brauchen ein gemeinsames Maß auf all diesen Ebenen, das würde mir wie ein reformierter Islam erscheinen. Zusammenfassend halte ich fest, dass ich die Herangehensweise und Ideale weitgehend teile, während mein eigener Liberalismus das egalitäre Element etwas mehr betont. Vielleicht setze ich auch etwas mehr Hoffnungen in innere Prozesse, da die neuen Medien und die neue Politik die Welt verändern.



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On Liberal Islam
Anis Hamadeh, April 23, 2003

Review of: "THE SILENCED MAJORITY" by Radwan A. Masmoudi, in: "What Is Liberal Islam?" Journal of Democracy Vol. 14/2 (http://www.journalofdemocracy.org), April 2003, pp 40-44.

A constructive article about the future of Islamic Civilization. In the beginning, Masmoudi explains the concept of Liberal Islam by calling it a movement and "a branch, or school, of Islam that emphasizes human liberty and freedom within Islam." He does not talk in party political terms here, but in terms of a liberal mentality, one that already exists and one which is gaining ground, as the author, founding president of the Washington, D.C.-based Center for the Study of Islam and Democracy (www.islam-democracy.org.), continues to indicate.

As points of reference he mentions "classical libertarians such as Frédéric Bastiat, Ludwig von Mises, or Friedrich von Hayek" in their capacities as promoters of "limited government, individual liberty, human dignity, and human rights." (p 40). On the next page, Masmoudi names some of the already existing liberal Muslims who he sees to fit the description. They are Tarek al-Bichri and Saleem al-Awwa (Egypt), Mohamed Talbi (Tunisia), Anwar Ibrahim (Malaysia), Fathi Osman, Aziza al-Hibri, and Abdulaziz Sachedina (United States), Shafeeq Ghabra (Kuwait), Abdelwahab El-Affendi (Sudan), Nurcholish Madjid (Indonesia), Ibrahim al-Wazir (Yemen), and Abdul Karim Soroush (Iran).

But why do they represent a silenced and "overwhelming" majority? Because, says Radwan Masmoudi, political power and control are with two minority groups which he calls "secular extremists and religious extremists" (p 41). Yet both have lost legitimacy, because of their controlling, repressing, and often enough violent character. And thus the majority of Muslims would "want to practice their religion faithfully, but (...) also want to live in the modern age; that is, they want a modern, moderate, and appropriate interpretation of Islam." (p 42).

The author sees the major impulses for a transition of Muslim societies in western pioneers. He writes at the end of his article: "The reformation of Islam will require freedom and democracy, and right now, the only place where we have them is in the West. It is for this reason that I believe reformation will begin in the West." Similar thoughts I remember from the Egyptian Professor Nasr Abu Zayd.

I share the attitude and the assessment of Dr. Masmoudi that such a social transition is due. I also see the advantage to benefit from the knowledge of western Muslims who have experienced more freedom. Yes I have such a notion of a liberal Islam where "faith and reason are combined" (p 42). I wonder only if "the international community needs to exert sustained pressure on the existing governments to allow more freedom, because it is in their own interest and in that of their societies." (p 43) It does, in fact, clash with his own Qur'anic claim of "La ikraha fi d-din", ("there can be no compulsion in religion." p 40). One could argue that the international community has nothing to do with religion, but this is not what Masmoudi means.

The pillars of liberal Islam for him are "Hurriya" (liberty), "Adl" (justice), "Shura" (consultation), and "Ijtihad" (rational interpretation). (p 41) And in this context he writes: "It is vital for the Muslim ummah today that the doors of Ijtihad -closed for some 500 years -be reopened." And yes yes, we liberal Muslims cheerfully greet you, Brother Radwan! Thus you are against "Taqlid", against the mere adaptation of what the self-declared authorities say, and be they American.

In my view, the western countries find difficulties in living up to their virtues like democracy, freedom, or pluralism, especially in the foreign policies. There are cracks in this democratic ideal, especially a lacking outgroup behavior. Therefore it would seem adequate to decompose the concept of democracy and to name and re-evaluate its factors in Islamic terms. In our age of fast information the politically relevant discourses more and more overlap and approach and challenge each other. A transition in the Arab and Muslim societies can to my mind only interact with a transition in the democratic West. This will be a different kind of reform, but it is necessary. Just look at the UN!

Let's face it: we are still living in a world of classes, of bettermen and worsemen, be it on the level of international communities or of single societies. We need the common standard on all those different levels, this would seem to be a reformed Islam to me. In summary, I share most of this article's approach and ideals, while my own liberalism might stress the egalitarian element more; and maybe I set some more hope in internal processes, as the new media and the new policies are changing the world.
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