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Neue Blätter (16)

Über politische Emanzipation
Anis Hamadeh, 05.04.2003
(English Version)

In letzter Zeit findet sich in der deutschen Presse häufiger der Gedanke der politischen Emanzipation von den USA. So z.B. in einem Kommentar der Kieler Nachrichten am 04.04.03: "Will Europa mehr Gewicht gegenüber der Supermacht USA in die Waagschale werfen, muss es eigenständiger werden - in letzter Konsequenz auch militärisch, weil man sonst in Washington nicht ernst genommen wird und bei jeder Krise vom Bündnispartner abhängig ist." (Frank Lindscheid, S.2). Inwieweit verschafft uns das Militär die gewünschte Eigenständigkeit? Das ist die Frage dieses Artikels.

Den Ruf nach mehr europäischer Unabhängigkeit vertreten heute Politiker jeder Couleur, es liegt in der Luft. In der Herangehensweise und vor allem der Definition jedoch gibt es gravierende Meinungsunterschiede. Für die einen bedeutet "mehr Gewicht" in der Konsequenz etwa so viel wie "mehr Militär", wie im obigen Beispiel. Die Begründungen lauten: erstens, weil man sonst nach den Kriterien der Amerikaner nicht eigenständig sei, zweitens weil man sonst Krisen nicht allein bewältigen könne. Gehen wir diesen beiden Argumenten auf den Grund!

Wenn Europa von den Vereinigten Staaten unabhängiger sein möchte, scheint es angebracht, die Kriterien der Amerikaner zu hinterfragen. Mit einer Aufrüstung würde Europa in erster Linie sagen: Ja Amerika, wir spielen dein Spiel mit, wir wollen es nur besser spielen oder zumindest ähnlich gut. - Nach politischer Emanzipation sieht das nicht aus. Die Amerikaner werden die Europäer niemals ernst nehmen, solange die Europäer sich an den USA spiegeln. Sie können dann nur ein Abklatsch sein. Was das andere Argument angeht, dass also Krisen nur militärisch gelöst werden können, so ist es nicht viel überzeugender, denn es fehlt jeder Beweis für seine Richtigkeit. Niemand bestreitet, dass die Konflikte in der Welt eines Drucks bedürfen, einer Bedrohungskulisse meinetwegen auch. Aber warum sollte das Militär das stärkste Mittel sein, um solchen Druck zu erzeugen? Weil es so teuer ist? Weil nichts einschüchternder wirkt?

Nun ist die Einschüchterung nicht, was unsere Demokratie gemeint hatte. Das ist nicht nur eine Phrase, sondern hat auch einen Grund, nämlich den der gesellschaftlichen Stabilität. In jedem Krieg entsteht eine große Schuld, und die steht dem Frieden entgegen. Es ist ein Mythos, dass Kriege unvermeidlich sind, wenn man es auf der materiellen Ebene betrachtet. Spirituell ist es richtig: Es wird immer Konflikte geben und das sind Kriege auch, die Frage ist, wie diese Kriege geführt werden. Ob also wirklich Blut vergossen werden "muss".

Normalerweise stelle ich dagegen den Frieden (und also auch den Krieg!) durch Öffentlichkeit, Historie und Kreativität. Über die anfechtbare Verrätertheorie, in der ein Verräter ausreicht, um eine gewaltlose Welt zu unterwandern, habe ich an anderer Stelle geschrieben, ebenso wie über das notwendige Outgroup-Verhalten im internationalen Diskurs. Es sind Argumente, die außerhalb des Glaubenssystems von Gewaltgläubigen stehen und also von ihnen gar nicht gesehen werden. (Sie werden ja auch von den Amerikanern nicht ernst genommen.) Eine Waffe wird von den Gewaltgläubigen bereits als eine militärische Waffe konzipiert. Etwas anderes können sie sich nicht vorstellen. Das ist bedauerlich, denn auch die Gerechtigkeitsgläubigen (als Gegensatz zu den Gewaltgläubigen) wünschen die politische und eventuell kulturelle Emanzipation von den USA. Die beiden Lager haben also im Grunde dieselben Wünsche.

In dieser Auseinandersetzung geht es nicht nur um Argumente, sondern im besonderen um Glaubensvorstellungen. Insofern hat sie nicht nur philosophischen, sondern auch historischen Charakter. Es wird sich zeigen, ob das vorherrschende Paradigma, das ohne Hinterfragung Gewalt und Gewaltandrohung als stärkstes Mittel der Politik ansieht, sich weiterhin behaupten kann, oder ob das Lager der Gewaltlosen sich aufgrund des immer sichtbarer werdenden Scheiterns der Gewalt durchsetzen kann.

Die Presse und die Politik jedenfalls sind daran gewöhnt, dass Gewalt im Zentrum des Interesses steht, und daher wird dieser Glaube dort auch oft zementiert und für Menschen anderen Glaubens heißt es schlicht: Das geht nicht und wird daher nicht diskutiert. So lachen die beiden Lager sich gegenseitig aus, die einen nennen die anderen "Träumer" und die wiederum werfen dem gegnerischen Lager vor, der notwendigen Auseinandersetzung mit dem Übervater USA durch eine Art unsubtilen Schwanzvergleich aus dem Weg zu gehen. Die Veränderungen, die Krieg und Gewalt in den Menschen auslösen, sind in jedem Fall psychologische Veränderungen, und das bedeutet, dass die Gewalt nicht das einzige Mittel sein muss, sondern dass sie eines unter vielen ist.

Natürlich ist Gewalt ein Mittel und wird es auch immer sein. In von morallosen Tieren bewohnten Dschungelgebieten und auch anderswo. Nur ist es nicht klug, wenn die offizielle Öffentlichkeit sich weigert, Alternativen überhaupt wahrzunehmen, weil sie ihren Diskurs stören, auf Kosten von möglichen Lösungen, die beide Lager anstreben. Könnte es nicht zumindest sein, dass die wirkliche Emanzipation von Hollywood und der jetzigen US-Regierung darin besteht, die zivilisatorische Linie der Gewaltvermeidung weiterzuentwickeln? Innovationen jedenfalls sind von den Gewaltgläubigen schon lange nicht mehr ausgegangen.



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On Political Emancipation
Anis Hamadeh, April 05, 2003

In recent times, the German press quite often writes about the idea of political emancipation from the USA. For example in a commentary in the Kieler Nachrichten on April 04, 03: "If Europe wants to gain more weight in relation to the US super power, it has to become more independent - in the last consequence also militarily, for otherwise one would not be taken seriously in Washington, and one would be dependent on the allied partner in every crisis." (Frank Lindscheid, p.2). Inhowfar does the military provide us with the aspired independence? This is the issue of the article at hand.

The call for more European independence today is coming from politicians of all walks of life, it is in the air. Yet there are grave differences in approach and, most of all, in definition. There are people for whom "more weight" consequently means "more military", like in the example above. As reasons we find: firstly, to meet the criteria of independence of the Americans, secondly, because otherwise we would not be able to master crises alone. Let's spot the ground of these two arguments!

If Europe wants to be more independent from the United States, it seems to be in order to question the criteria of the Americans. With a new armament, Europe would basically say: yes America, we do play your game, only that we want to play it better or, at least, in a similar way. - This does not sound much of political emancipation. The Americans will never take the Europeans seriously, as long as the Europeans are mirroring themselves in the USA. They could only be their spitting image. Concerning the other argument, the one that crises can only be solved militarily, it is not much more convincing, for there is no proof whatsoever for its validity. Nobody denies the necessity of pressure in view of the conflicts in the world, even a threatening scenario, if you want. But why should the military be the most powerful means to supply such a pressure? Because it is so expensive? Because there is nothing more intimidating?

Now, intimidation is not what our democracy had meant. This is not only a phrase, it also has a reason, the one of social stability. In every war a great deal of guilt is building up, which contradicts peace. It is a myth that wars are inevitable, if regarded on the material level. Spiritually it is right: there will always be conflicts and wars, the question is how these wars are conducted. And whether bloodshed really is a "must".

Usually, I promote the idea of peace (and therefore also of war!) through the public, through history, and through creativity. At a different place I wrote about the controversial traitor theory, in which one traitor suffices to undermine a non-violent world. I also wrote about the necessary outgroup behavior in the international discourse. These are arguments which stand outside the belief system of the believers in violence and which are hence not even perceived by them (and these arguments are not taken seriously by the Americans, either). A weapon for the believers in violence is already conceptualized as a military weapon. They cannot imagine anything else. This is regrettable, for the believers in justice (as opposed to the believers in violence) also wish the political and maybe cultural emancipation from the USA. Thus both camps, in the end, have the same wishes.

In this struggle, we do not only deal with arguments, but especially with belief systems. Thus it does not only have a philosophical dimension, but also a historical one. It will show whether the current paradigm will continue to prevail, the one which, without questioning, regards violence and the threat of violence as the strongest means of politics, or if the camp of nonviolence can take over, due to the more and more apparent failure of violence.

The press and the politicians, at any rate, are used to regarding violence as the center of interest. Therefore this belief in those circles often is cemented, and to people of different beliefs they simply say: it does not work and so we will not discuss it. In this way, the two camps are laughing about each other. The one calls the other a "dreamer", and they in turn blame the opposing camp for avoiding the necessary dispute with the super-father USA by proposing a kind of unsubtle comparison of dicks. The changes, which war and violence evoke in people, in any case are psychological changes, and that means that violence does not have to be the only means, but one among many.

Of course, violence is a means and it will always be. In jungle areas, inhabited by moral-less animals, and elsewhere. Only, it is not wise, if the official public refuses to even perceive any alternatives by reason of its disturbing their discourse, at the expense of possible solutions aspired by both camps. Could it not at least be a possibility that the real emancipation from Hollywood and from the current US administration lies in further developing the civilisatory path of avoiding violence? Innovations, at any rate, have not really come from the part of the believers in violence for a long time.
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