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Neue Blätter (15)

Die Rückkehr der Gewaltfrage
Anis Hamadeh, 28.03.2003
(English Version)

Der Gedanke, dass die Moral, die Liebe oder die Öffentlichkeit stärker sein könnten als die Gewalt, gilt in unseren Gesellschaften als unrealistisch und naiv, wie man am Irak-Krieg sehen kann. Bush wird diesen Krieg gewinnen, weil er mit seiner Armee am meisten Gewalt ausüben kann, sagen sogar die Europäer, selbst wenn viele denken, dass die Kosten des Krieges dafür zu hoch sein werden. Aber wer sollte Bush schon aufhalten? Wie kann da irgendjemand behaupten, Gewalt sei nicht das Stärkste?

Dem möchte ich zwei Dinge entgegenhalten: Erstens wird übersehen, dass Bush bzw. die Alliierten sich selbst aufhalten könnten, weil sie aufgrund einer strategischen Fehlentscheidung - der, einen Angriffskrieg zu führen - weitere Fehler machen werden. Oft werden wir in der Debatte an den Präzedenzfall geführt, dass Hitler ohne Gewalt nicht zu stoppen gewesen wäre, zumindest nach 1939 oder 1941 nicht mehr. Das selbstzerstörerische Element des Nationalsozialismus, das zu diesem Zeitpunkt sichtbar war, wird dabei ebenso unterschlagen wie die Tatsache, dass Hitler nach derselben Logik lebte, dass also Gewalt zur Kontrolle notwendig sei. Hätte Hitler nicht auch einen anderen Weg gefunden, um sich zu zerstören? Dass es auf Selbstzerstörung hinauslief, lag doch im System schon begründet. Und wer hätte sich während des Kalten Krieges vorstellen können, dass sich die Sovietunion ohne militärische Gewalt auflöst? Hat sie aber.

Zweitens: Was heißt Stärke, was heißt Sieg? So weit ich sehen kann, bewegen sich die Gewaltbefürworter in einem Zirkelschluss, weil mit Stärke und Sieg eben solche Dinge assoziiert werden, die in Gewalt begründet sind. "Stärke" wird inhärent schon als "militärische Stärke" konzipiert und "Sieg" als "militärischer Sieg" bzw. als "Kontrolle". Sie bestätigen sich also nur selbst. Gewaltgegner dagegen sehen Bush als Verlierer, weil er unschuldige Menschen getötet und den Kulturkampf angeheizt hat. Das kann nicht stark sein und kein Sieg.

Es ist letztlich nicht die Gewalt, die stark ist, sondern der Glaube an die Gewalt. Nicht Gewalt bestimmt die Handlungen, sondern die Furcht vor Gewalt. Ein Angstbild, das vor dem inneren Auge entsteht, als erwartete Situation, die es zu vermeiden gilt. Ein Glaube. Warum urteilen wir am Maßstab der Kontrolle und nicht am Maßstab der Moral, oder sagen wir: der Demokratie? Es handelt sich dabei auch um einen Glauben, da ist prinzipiell kein Unterschied. Hier aber basiert er auf einer gesellschaftlichen Übereinkunft wegen des Wunsches nach sozialem Frieden.

An dieser Stelle werden viele sagen: Philosophisch mag das stimmen, aber praktisch nicht. Dem möchte ich widersprechen. Wenn es eine große Öffentlichkeit gibt, die sich auf moralische Argumente beruft - und die gibt es kulturübergreifend - dann werden sich Gewalttäter wie Bush oder Saddam so weit isolieren, dass sie sich nicht halten können, egal, wie viel militärische Stärke sie haben mögen. Es muss sich nur der Glaube durchsetzen, dass dies möglich ist, so wie derzeit der Glaube an die Gewalt vorherrscht. Ein Paradigmenwechsel, der durch die erweiterte Öffentlichkeit des Internet durchaus eine Realität hat und für den viele arbeiten, ob das der Papst ist oder Professor Glenn Paige in Hawaii mit seinen politologischen Nonkilling-Analysen, Künstler in der ganzen Welt oder die vielen Friedensorganisationen, die sich immer besser koordinieren.

Es ist eine anthropologische Konstante, dass sich die Menschen nur dann ändern, wenn sie es müssen. Diesen Punkt aber haben wir erreicht: Seit dem Elften September ist deutlich, dass sich die Welt verändern muss. Die Amerikaner, die kein Verdun erlebt haben, versuchen es mit Kontrolle, aber es funktioniert nicht und kann nicht funktionieren. Wenn jetzt nur wenig Menschen an den Frieden wirklich glauben können, ändert das nichts an dieser Tatsache, denn die Lage ist faktisch immer gewalttätiger geworden. Irgendwann kommt der Punkt, wo entweder die Gewalt siegt und die Welt untergeht oder wo der Frieden siegt, weil die Menschen der Welt sich darauf einigen können und so viel Vertrauen finden, dass sie daran glauben können.

Der Umgang mit Schuld scheint mir einer der wichtigsten Angelpunkte für diesen ganzen Themenkomplex zu sein. Werimmer Schuld in der eigenen In-Group nicht sehen kann - und das sind viele - benötigt ein Feindbild, um diese Schuld im anderen sehen und benennen zu können. In unseren Gesellschaften, in Ost und West, kennen wir kaum Möglichkeiten, Schuld abzutragen. Daher sind viele historische Schuldsituationen nicht bereinigt. Zusätzlich entstand eine Relativität von Schuld (bzw. Moral, das trifft hier dasselbe), die die Abkehr von Staaten vom Völkerrecht erst realistisch machte.

Die praktische Überwindung des Tötens in der Welt ist möglich, wenn ein Netz von internationalen öffentlichen Organisationen und Personen über den Frieden wacht, legitimiert durch die internationale Bevölkerung. Ein Wachen, das keine Kontrolle darstellt, sondern eine Orientierung und ein Zeigen des Spiegels. Dies ist auch die Basis aller Religionen. Dass die UNO es derzeit allein nicht schafft, haben wir gesehen. Das darf uns aber nicht entmutigen, sondern muss ein Ansporn sein, endlich in ein neues Jahrhundert zu gelangen, in dem das Töten in der Out-Group ohne Wenn und Aber ebenso geächtet ist wie das Töten in der In-Group.



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The Return of the Violence Issue
Anis Hamadeh, March 28, 2003

The notion that morals, love, or the public could be stronger than violence, is held to be unrealistic and naive in our societies, as can be seen in the Iraq war. Bush will win this war, because he can committ more violence than anybody else, this is what even the Europeans are saying, even if many people think that the costs of the war will be too high. But who should be able to stop Bush? How can anybody claim that violence is not stronger than anything else?

To this I would like to object with two arguments: firstly, people forget that Bush or the allies, respectively, could stop themselves, because due to a strategic wrong decision - to lead an attacking war - they will make more mistakes. Often in the debate we are led to the precedence that Hitler could not have been stoppped without violence, at least after 1939 or 1941. The self-destructive element of national socialism, which by that time had been visible, is neglected here as well as the fact that Hitler had lived by the same logic, that violence is necessary for control. Would Hitler not have found another way to destroy himself? For self-destruction had been inherent to the system. And who would have imagined during the Cold War that the Soviet Union would dissolve without military violence? But it did.

Secondly: what does strength or power mean, what does victory mean? As far as I can see, the supporters of violence are moving in a vicious circle, because the association of power and victory is with things that are again grounded in violence. "Power" inherently is conceptualized as "military power" and "victory" as "military victory" or "control". Thus they are only affirming and reconfirming themselves. Opponents of violence, on the other hand, view Bush as a loser, because he killed innoscent people and because he nourished the culture struggle. This cannot be strong or powerful and it cannot be a victory.

In the end it is not violence which is strong, but the belief in violence. Not violence is directing our actions, but the fear of violence. An image of fear which is generating before the inner eye, as an anticipated situation which is to be avoided. A belief. Why do we judge by the measure of control and not by the measure of morals, or let's say: democracy? This also is a belief, there is no principal difference in that. Yet here it bases on a social agreement and is due to the wish for social peace.

At this stage, many people will say: this may be true philosophically, but not practically. I would like to contradict that. When there is a big public which calls for moral arguments - and there is inter-culturally - then the violent perpetrators like Bush or Saddam will isolate themselves so far that they cannot keep the power, no matter how much military strength they might have. Only the belief has to be established that this is possible, the way that now the belief in violence is prevailing. A paradigm change, which through the augmented public of the internet does have a reality, and for which many people are working, be it the pope or Professor Glenn Paige in Hawaii with his politological nonkilling analyses, artists in the whole world, and the many peace organizations, which are coordinating better and better.

It is an anthropological invariant that people only change when they have to. Yet this point is reached: since September Eleventh it is clear that the world has to change. The Americans, who have not experienced a Verdun, try it with control, but it does not work and cannot work. If today only few people can really believe in peace, then this does not change anything of this fact, for the world has factually become more and more violent. There comes the point where either violence will win and the world will be destroyed or where peace will win, because the people in the world have agreed on it and have found so much faith that they can believe in it.

The way of how we deal with guilt seems to me to be one of the most important aspects of this whole issue. Whoever cannot see guilt in the own ingroup - and they are many - needs a stereotype of an enemy in order to see and to name this guilt in the other. In our societies, East and West, we hardly know of ways to decompose guilt. Therefore many historical situations of guilt are not cleansed. Additionally, a relativity of guilt (or of morals, this is the same here) took place, which made the turning away of states from international law realistic to begin with.

The practical mastering of killing in the world is possible, when a net of international public organizations and individuals are on guard about peace, legitimated by the international population. To be on guard without controlling, but with supplying an orientation and a mirror. This also is the basis of all religions. It is obvious that now the UN cannot make it on its own. Yet this must not discourage us, but on the contrary give us the strength to finally reach a new century in which killing within the outgroup, without any buts, is just as outlawed as killing within the ingroup.
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