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Neue Blätter (14)

Die Rückkehr der Moralisten
Anis Hamadeh, 23.03.2003
(English Version)

Die These, dass der militärisch Stärkere die Welt oder wesentliche Teile der Welt kontrollieren kann, ist durch den imperialen Overstretch soeben widerlegt worden. Schon im Anfang war klar, dass die öffentliche Meinung in der Welt diesen Krieg nicht akzeptieren würde, wie auch immer er ausgehen mag. Wodurch hat sich diese Meinung durchgesetzt? Durch Argumente und die erweiterte Öffentlichkeit. Die Kriegsbefürworter mussten schließlich zugeben, dass, wenn es um Argumente und die Moral ging, sie den Kürzeren zogen. An dieser Stelle wurde eine Grenze erreicht, denn unsere Demokratie - mit der viele von uns sich in diesen Tagen auseinandersetzen - ist auf Moral gegründet und nicht auf das Recht des Stärkeren.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist zu weit gegangen und sie konnte das tun, weil sie niemand aufhalten konnte. Der dadurch entstandene Glaubwürdigkeitsverlust aber führte zu einem Autoritätsverlust, den die Medien durch die erweiterte Öffentlichkeit nicht mehr verhindern konnten und, in weiten Teilen der Welt, dieses Mal auch nicht verhindern wollten. Da es in öffentlich gestellten rechtlichen Fragen (z.B. der nach Gewalt, Angriffskrieg o.ä..) um die Darstellung der Dinge ebenso geht wie um die Dinge selbst, haben auch die Medien eine größere Verantwortung für den gesellschaftlichen und globalen Frieden, als es früher schien.

Die Moralisten sind heute stärker als die Militaristen, weil sie mehr und bessere Antworten haben. Und weil sie nicht mehr so leicht unterdrückt werden können wie früher. Daran müssen sich auch die Politiker und die Journalisten gewöhnen, die routinemäßig nach einer Kontrolle der Öffentlichkeit streben, indem sie bestimmte, zum Teil wechselnde, Personen, Gruppen und Bevölkerungsteile bevorzugen bzw. benachteiligen, um damit eine trügerische gesellschaftliche Ruhe zu bewahren. In einer großen Öffentlichkeit können illegitime Gewalt und Benachteiligung nicht lange verheimlicht werden, und sie führen zu moralischer Abwertung, weil unsere Demokratie in ihrer Essenz eine Überwindung solcher Gewalt darstellt.

Das Phänomen der Weltöffentlichkeit besteht aus zwei Elementen: zum einen aus der Idee der erweiterten, nicht-frontalen, freien Öffentlichkeit, und zum anderen aus dem Dialog der Kulturen. Beides wird manifest und anschaulich im Internet. Betrachten wir das erste Element etwas genauer: Die freie Öffentlichkeit ist etwas Neues, weil früher die Medien, die Politiker und andere Gruppen mehr oder weniger stark bestimmen konnten, was "die Realität" ist. Wenn die Zeitungen beispielsweise über bestimmte Sachen nichts oder nur wenig geschrieben haben, dann mögen diese Sachen geschehen sein, sie haben aber in der öffentlichen Wahrnehmung keine oder nur wenig Realität. Eine öffentliche Medienkritik beispielsweise war früher schwierig, denn wo sollte man sie öffentlich äußern, wenn nicht in eben diesen Medien? Das ist heute anders.

Die Leute sind - wenn sie wissen, was Krieg ist - für den Frieden. Das ist nicht neu, wurde früher aber überspielt. Die meisten Leute weltweit waren auch von Anfang an gegen den Nahost-Konflikt, doch diese Diskussion wurde bisher unterdrückt. Heute wird das deutlich, wenn man vergleicht, wie und worüber die Zeitungen berichten und welche Informationen dagegen im Internet kursieren. Da ist ein neuer, freierer Diskurs entstanden, der die Frage nach den Prioritäten der Nachrichten sichtbar neu und glaubwürdig stellt.

Das zweite Element der Weltöffentlichkeit ist der Dialog der Kulturen. Denn nicht nur in Deutschland meldet sich eine neue Basis, auch in anderen Ländern, auch in arabischen Ländern. Die Leute verstehen, dass sie, in West und Ost, jeder auf seine Weise, dasselbe wollen. Und dass sie alle, jeder auf seine Art, ein neues Kollektivbewusstsein, eine neue Identität ausbilden. Die Kontakte zwischen den Kulturen waren nie annähernd so stark wie heute durch das Internet. Abschreckung und Bedrohung, das ganze Militär, es reicht offensichtlich nicht mehr aus, um Sicherheit und Freiheit zu bewahren. Die notwendige Orientierung zwischen den Kulturen wird als Basis von Sicherheit greifbar. Und diese Orientierung besteht aus Begegnungen und Argumenten. Das ist die Rückkehr der Moralisten. Anders gesagt: Jesus hatte keine Homepage.

Die Kriegsführer sagen immer, dass Gewalt das letzte Mittel sein muss, aber sie halten sich nicht daran. Hätten die Amerikaner oder die UNO den Irakern zum Beispiel eine Million Internetanschlüsse gelegt! Auch eine Love Parade in Bagdad hätte eine ungeheure Wirkung gehabt. Diese Dinge wurden nicht einmal diskutiert. Und die Stärkung alternativer Gruppen. Die Richtung, die hier gemeint ist, ist, das Problem von Innen anzugehen und die Iraker dabei als souveräne Menschen zu betrachten. Heute steht den Regierungen in aller Welt eine neue Öffentlichkeit gegenüber, eine, die über Kulturgrenzen hinweg nach Frieden und Gerechtigkeit verlangt. Die Gesellschaften brauchen übergreifende Werte und ein Outgroup-Verhalten, um miteinander umgehen zu können.

Jetzt, wo das Militär seine Unzulänglichkeit bewiesen hat, die Völker zusammenzubringen, suchen die Menschen ihre Antworten anderswo. Und anders als 1968, als die Progressiven sich meist in der Opposition genügten, gibt es heute viele echte Antworten auf dem Markt. Übrigens waren wir immer schon Moralisten: In fast jeder Diskussion argumentieren wir moralisch. Nur, dass die politischen Entscheidungen aufgrund der kontrollierten Öffentlichkeit davon weniger beeinflusst waren. Das ist jetzt anders.


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The Return of the Moralists
Anis Hamadeh, March 23, 2003

The thesis that the militarily stronger can control the world or essential parts of the world has now been refuted by the imperial overstretch. It has been clear right from the beginning that the public opinion in the world would not accept this war, however it might end. By which means did this opinion emerge and prevail? By means of arguments and the augmented public. The war approvers finally had to admit that they lost their case whenever it came down to arguments and morals. At this point, a limit was reached, for our democracy - with which many of us are concerned these days - is grounded in morals and not in the law of the stronger.

The government of the United States went too far and it could do so, because there was nobody to stop them. Yet the so generated loss of credibility led to a loss of authority, something the media could not prevent due to the augmented public, and which they - this time - in greater parts of the world did not want to prevent, either. As we are dealing with the presentation of things as well as with the things themselves in publically posed juridicial questions (e.g. of violence, initiative wars, etc.), the media, too, have a bigger responsibility towards social and global peace, than seemed to be the case in former times.

The moralists today are stronger than the militarists, because they have more and better answers. And because they cannot be oppressed as easily as before. This is a fact that the politicians and journalists, too, have to get used to, who pursued a routine of attempting to control the public by preferring and, respectively, prejudicing certain, partly changing, individuals, groups, and social segments, in order to preserve a deceptive social calm. In a big public, illegitimate violence and prejudice cannot be kept secret for long, and they lead to a moral devaluation, because our democracy in its essence constitutes the mastering of such violence.

The phenomenon of the world public consists of two elements: firstly, the notion of the augmented, non-frontal, free public, and secondly, the dialogue between the cultures. Both are manifest and illustrated in the internet. Let us take a closer look at the first element: the free public is something new, because in former times the media, the politicians, and other groups were more or less able to define what "reality" is. When, for example, the newspapers did not write about certain issues, or not enough, then these issues may have truth, but in the public impression they have no or only little reality. A public media criticism, for instance, had until now been a difficult thing, for where should one have uttered it publically, if not in the very media? This is different today.

People are - if they know what war is - for peace. This is not new, but it had been played down. Most people worldwide had also been against the Middle East conflict right from the beginning, but the discussion had been suppressed. This becomes clear today when we compare the topics and methods of the newspapers with the information that is current on the internet. A new, freer discourse has come into being, and it is reposing the question of priorities in the news department in an apparently new and a credible way.

The second element of the world public is the dialogue between the cultures. For not only in Germany a new grassroot movement has come up to the surface, but in other countries as well. In Arab countries as well. People understand that they, in the west and in the east, in their respective ways, want the same. And that all of them, each one in his or her style, are generating a new collective consciousness, a new identity. Never before have the contacts between the cultures been remotely as tight as today, because of the internet. So deterrance and threat, the whole military, it obviously does not suffice anymore to establish and keep security and freedom. The necessary orientation between the cultures and civilizations has become a tangible basis for security. And this orientation consists of encounters and arguments. This is the return of the moralists. In other words: Jesus had no homepage.

The leaders of war always say that violence has to be the last resort, but they do not keep their word. Had the Americans or the UN installed a million internet accesses for the Iraqis! Or a love parade in Baghdad, this would also have had a very powerful effect. These things have not even been discussed. And the encouragement of alternative groups. The direction which is meant here is to approach the issue from within, while seeing the Iraqis as souvereign human beings. Today the governments in the whole world are confronted with a new public, one, that is demanding peace and justice beyond cultural boundaries. The societies need comprehensive values and an outgroup behavior in order to deal with each other.

Now that the military has proven its insufficiency in bringing the societies closer together, people are searching for their answers elsewhere. And differently from 1968, when the progressives mostly were content with merely being oppositional, today there are many real answers on the market. By the way, we have always been moralists: in almost every discussion we use morals in our arguments. Only that the political decisions have not been effected by that too much, due to the controlled public. This is different now.
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