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Neue Blätter (12)

Die Impulsmetapher
Anis Hamadeh, 18.01.2003
(English Version)

Eine der wichtigsten Fragen im gesellschaftlichen Diskurs des 21sten Jahrhunderts ist die nach der Kontrolle. In welchen Bereichen ist Kontrolle notwendig, wieviel und welcher Art soll und darf sie sein, wer führt sie durch, welchem Zweck soll sie dienen, und verwandte Fragen. Sind wir auf dem Weg zu einer Weltkontrolle, um potenzielle Terroristen nicht entwischen zu lassen? Oder hat die demokratische Erfahrung ausgereicht, um einen Abbau von Kontrollnotwendigkeiten konstatieren bzw. prognostizieren zu können? Für beide Tendenzen finden sich Belege. Die Problematik der Kontrolle zeigt sich mit all ihren Facetten in der Kommunikation und der Erziehung. Ohne ein Maß an Kontrolle und Führung können sich Kinder nicht zurechtfinden und nicht lernen, methodisch ihre Fähigkeiten und ihr Wesen zu entwickeln. Kontrolle beinhaltet immer einen Zwang, daher muss es eine Rechtfertigung für sie geben. Zwänge sind einerseits Bestandteil unseres sozialen Lebens, andererseits können sie leicht zu Machtzwecken missbraucht werden.

Betrachten wir einige Situationen, die nicht durch Kontrolle charakterisiert sind oder sogar durch deren Abwesenheit. Die Kunst gehört dazu. Zwar bedarf es teilweise kontrollierter Techniken, um sie zu manifestieren, doch gehören zu ihr wesentlich die Inspiration und die Trance, die sich meines Wissens nur durch Kontrollverlust erreichen lassen und die beide gesellschaftlich gesehen marginalisiert und kaum fassbar sind. Die meisten Situationen, zu denen nur eine einzige Person gehört, brauchen wenig Kontrolle. Auch wenn z.B. Leute auf den Bus warten, ist dies eine weitgehend kontrolllose Situation. Es muss lediglich darüber gewacht werden, dass man rechtzeitig in den Bus einsteigt, alle anderen Handlungen sind frei. Die Art, wie wir uns die Kontrollfrage stellen, ist in unserer Mentalität begründet. Eine typische Situation hat bei uns einen Kontrollfaktor, sonst ist sie langweilig, uninteressant, unerheblich, vielleicht unehrlich. Anhand unserer Vorstellungen von Kommunikation und von Erziehung soll das hier illustriert werden.

Aus der kognitiven Linguistik stammt der Begriff der "Conduit Metaphor", der "Leitungsmetapher" für Kommunikationsprozesse. Wir stellen uns Kommunikation hauptsächlich vor als eine Botschaft, die von einem Sender durch eine Art Leitung zu einem Empfänger gelangt, der die Botschaft entschlüsselt und somit versteht. Auf diese Weise erleben wir die meisten Kommunikationsmethoden. Wort und Schrift, Telefon, Radio, Fernseher, Rechner, all dies basiert auf dieser Vorstellung. Sie ist also erfolgreich und hat uns zu enormen Erfindungen gebracht. Auch in der Erziehung und in didaktischen Prozessen setzen wir die Conduit Metaphor voraus: Wissen wird (wie durch eine Leitung) weitergegeben. Die Lernenden "füllen" sich mit Wissen, vielleicht wird es ihnen gar "eingetrichtert". Die Basisannahme ist, dass es einen "Stoff" gibt, der kontrolliert vom Lehrer auf den Schüler übergeht.

Gewiss ist diese Vorstellung nicht verwerflich oder per se überkontrolliert. Jedoch versperrt die Conduit Metaphor den Blick auf alternative, weniger kontrollgebundene, Sichtweisen über Kommunikation und Didaktik. Denn weniger kontrollgebunden muss nicht schlechter sein. Betrachten wir dazu die Impulsmetapher:

Bei der Impulsmetapher gibt der Sender einen Impuls aus, der den Empfänger erreicht und auf ihn einwirkt. Es handelt sich um einen gezielten (manchmal auch ungezielten) Impuls, dessen Resultat sowohl dem Sender als auch dem Empfänger zunächst verborgen bleibt. Der Sender weiß, dass er mit diesem Impuls eine Botschaft ausgibt, er weiß aber nicht genau, welche. Auch das ist Kommunikation, hier wird nur auf andere Merkmale fokussiert. Die Impulsmetapher ist nicht etwa besser oder schlechter als die Conduit Metaphor, sie ergänzt sie vielmehr und mit ihr lassen sich andere Phänomene der Kommunikation besser verstehen, zum Beispiel die erwähnte Trance oder die Inspiration, die auf Impulsen beruhen und auf Impulse reagieren.

Der Grund für die Vernachlässigung der Impulsmetapher gegenüber der Conduit Metaphor liegt vermutlich darin, dass in der Impulsmetapher die Kommunikation als weit weniger kontrolliert, geplant und vorhersehbar gesehen wird. Der Sender "weckt" eher etwas im Empfänger als dass er etwas transportieren würde. Wir alle geben im Alltag solche Impulse aus, durch Metabotschaften, Zeichen wie Gesten und Mimik, Tonfall und Sprachstil etc., und wir empfangen solche Impulse, wenn wir plötzliche Assoziationen haben, wenn wir angeregt und inspiriert werden, wenn wir träumen etc.. Die Kunst ist der Ort, wo die Kommunikation über Impulse vorherrschend wird, wenn ein Orchester spielt oder Dichtung gelesen wird, wenn geschauspielert und gespielt, gemalt und getanzt wird.

Der kommunikative Aspekt der Kunst wird in unserer Welt vernachlässigt, "Botschaften" sind noch immer out, und lernen im Grunde auch. Man verbindet damit unwillkürlich Kontrollsituationen und Zwänge, weil man davon ausgeht, dass die Botschaft etwas von außen Motiviertes ist. Die Impulsmetapher zeigt eine Art zu erklären, dass Botschaften auch "ausgelöst" werden und damit zum großen Teil von innen kommen können. Sie zeigt, dass Botschaften mehrschichtig sind und dass das Lernen von der Offenheit des Empfängers ausgehen kann anstatt von Sender und Botschaft. Die Aktion des Impuls-Empfängers beschränkt sich nicht auf das Dekodieren einer vorgegebenen Botschaft, sondern hat auch einen kreativen und individuellen Aspekt. Kommunikation kann man sich also als kontrollierte Versendung einer Botschaft und als Impuls vorstellen, so wie man sich das Licht als Partikel und als Welle vorstellen kann.


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The Impulse Metaphor
Anis Hamadeh, January 18, 2003

One of the most essential issues in the social discourse of the 21st century is the one of control. In which areas is control necessary, how much and of which kind should and may it be, who is to control, for what purposes, and related questions. Are we on our way to global control, in order to not let potential terrorists get away? Or did the democratic experience suffice to substantiate or predict a decrease of control necessities? For both tendencies we find proof. The problematic nature of control with all its facets shows in communication and in education. Without an amount of control and directoring children cannot know their way around and cannot learn to methodically develop their abilities and their characters. Control always implies a force or pressure and therefore needs a justification. Pressures on the one hand are constituents of our social life, and on the other hand they can easily be misused to exert power.

Let us consider some situations which are not characterized by control or which even are characterized by its absence. Art belongs to this category. It is true that the manifestation of art also in parts needs controlled techniques, but to the main characterists of art belong inspiration and trance which both - as far as I know - are only attainable through the loss of control and which both are socially marginalized and hard to define.

Most of the situations, which consist of only one person, only need little control. Also, if e.g. people are waiting for the bus, this is a mostly control-less situation. The only need of surveillance is in making sure to enter the bus in time, all other actions are free. The way we deal with the control issue is rooted in our mentality. A typical situation for us has a control factor to it, otherwise it is boring, uninteresting, immaterial, maybe unsincere. With the example of our understanding of communicational and educational processes this mentality is to be illustrated here.

Known from cognitive linguistics is the concept of the "conduit metaphor" for communication processes. We mostly conceptualize communication as a message which comes from a sender and reaches a recipient through a kind of conduit. The recipient then decodes the message and thus understands it. We experience most of our methods of communication in this way. Word and script, telephone, radio, television, computers, all this bases on this model. It thus is a successful metaphor and it has brought us to enormous inventions. In education, too, and in didactic processes we take the conduit metaphor for granted: knowledge is passed on (like through a conduit) and the learners are "filled" with knowledge, or maybe the knowledge is even drummed or "poured into the heads" of the students. The principal assumption here is the existance of a certain "matter" which the teacher passes to the student in a controlled way.

Certainly this model is not reprehensible or over-controlled per se. Yet the conduit metaphor closes the sight on alternative, less control-related, conceptualizations of communication and didactics. For less control-related does not have to mean that they are worse. Let us take a look at the impulse metaphor for this matter:

In the impulse metaphor the sender is exerting an impulse which reaches the recipient and effects him or her. It is a purposeful (sometimes also purposeless) impulse the result of which in the beginning remains unknown to both the sender and the recipient. The sender knows that this impulse implies a message, but he does not exactly know which one. This, too, is communication, only that the focus is on different characteristics. The impulse metaphor is not at all better or worse than the conduit metaphor, it rather accomplishes it and provides evidence for understanding other phenomena and aspects of communication, for example the mentioned trance and inspiration which come about via impulses and which react on impulses.

The reason for the neglect of the impulse metaphor to the favor of the conduit metapor probably is due to the fact that in the impulse metaphor communication is conceptualized much less in terms of control, plan, and expectation. The sender "wakes" something in the recipient rather than transporting something. We all produce such impulses in everyday life, e.g. by our meta-messages, signs like gestures and miming, tone and style of speech etc., and we receive such impulses when we have sudden associations, when we are stimulated and inspired, when we dream etc.. Art is the place where the communication via impulses becomes prevailing, when e.g. an orchestra is playing, or when poetry is read, when there are acting and play, pictures or dance.

The communicative aspect of art is being neglected in our world, "messages" are still out, as learning actually is. We involuntarily associate them with control situations and pressures, because we take for granted that a message is something motivated from the outside. The impulse metaphor shows a way of explaining that messages can also be "aroused" or "kindled" and thus to a great extend can come from the inside. The impulse metaphor indicates that messages are multi-layered and that learning procedures can start with the openness of the recipient, and not only with sender and message. The action of the recipient of the impulse is not restricted to decoding a given message, but also has a creative and individual aspect. Thus we can conceptualize communication as the controlled sending of a message and as an impulse, similar to our conceptualizations of light as particles and as waves.
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