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Neue Blätter (11)

Die Verrätertheorie
Anis Hamadeh, 18.01.2003
(English Version)

Die Verrätertheorie besagt, dass ein einziges "Schwarzes Schaf" in einer Gruppe ausreicht, um den Frieden in der Gruppe zu stören und eine Politik mit friedlichen Mitteln damit an eine Grenze zu bringen. Ein gutes Beispiel ist die Politik der Abschreckung, die im so genannten Kalten Krieg vorherrschend war. Es ging dabei um den neu hinzugekommenen Faktor der Atombombe und in der Konsequenz um den Overkill. Die Logik war dabei: Wenn einer der Staatschef den Roten Knopf drückt, ist er ein Verräter des Friedens. Man kann ihn daran nur hindern, wenn man selbst einen Roten Knopf hat. Gäbe es keine potenziellen Verräter, vor denen man sich schützen müsste, würde man selbst die Bombe auch nicht benötigen bzw. haben, so die Argumentation.

Nicht nur in der Frage nach der Anwendung von Gewalt spielt die Verrätertheorie eine fundamentale Rolle, sondern in vielen Bereichen des Lebens. Neben dem Argument: "Vor dem Verräter muss ich mich schützen" gibt es das noch weiter verbreitete Argument der Unabwendbarkeit des Verrats: "Wenn ich den Verrat nicht begehe, dann wird es jemand anderes tun." Die Menschenkloner z.B. benutzen es, um von ihren Taten abzulenken. Scheinbar unabhängig von moralischen Erwägungen deuten sie auf die pure wissenschaftliche Möglichkeit eines solchen Projekts. Man kann es machen, also wird es jemand machen. Und wenn es sowieso jemand macht, kann ich es auch selbst machen.

Eine leichte Abwandlung bzw. Präzisierung dieses Topos ist: Man kann damit Profit machen, also wird es jemand machen. Und wenn es sowieso jemand macht, kann ich es auch selbst machen. Vom möglichen Verrat, der in diesen Taten steckt, wird abgelenkt. Das bedeutet z.B., dass, wenn es einen Markt für gestohlene Autos gibt, es Leute gibt, die sich an solchen Argumentationen abzusichern versuchen, wenn sie Autos stehlen oder damit hehlen.

Die Verrätertheorie ist bis heute problematisch und umstritten. Ihr Missbrauch ist auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bekannt, ihre Effektivität und Kohärenz wird von vielen Seiten angegriffen, und doch lässt sich mit ihr immer wieder erfolgreich argumentieren. Die Hauptkritik an der Verrätertheorie vom potenziellen Schwarzen Schaf ist, dass sie sich an Angstszenarien orientiert und selbst Angst erzeugt. Oft verbirgt sich auch nichts anderes als notorisches Misstrauen dahinter und die fehlende Bereitschaft, sich in die Situation des anderen zu versetzen. Wünsche nach Dominanz und Ausbeutung lassen sich dahinter verstecken. Und bei all dem steht noch sehr in Frage, ob eine Politik, die sich an der Verrätertheorie orientiert, überhaupt funktioniert und funktionieren kann. Immerhin war die Abschreckungspolitik der Supermächte nach 1945 ein Kalter Krieg und kein Warmer Frieden.

Auch der Faktor des Selbstschutzes ist nicht wirklich überzeugend. Sind die Amerikaner heute besser geschützt als am Elften September? Ich wage das zu bezweifeln. Auch die Israelis bedienen sich dieses Klischees und sagen: Solange es die Möglichkeit von Verrätern unter den Palästinensern gibt (allen Palästinensern, nicht nur den Offiziellen), müssen wir Gewalt auf die Gruppe ausüben. Ähnlich ist es bei der Terrorbekämpfung: Weil es da draußen Verräter gibt, richten wir gleich unser Leben an ihnen aus und rechtfertigen eine nach Innen und nach Außen repressive und auf Kontrolle gerichtete Politik. Russland hat sich angeschlossen, um in Tschetschenien ungestört agieren zu können, Indien und Pakistan nutzen die Gelegenheit allgemeiner Gewaltanwendung, um an neue Grenzen zu kommen, und auch Nordkorea möchte da nicht abseits stehen. Der drohende Krieg im Irak folgt genau derselben Logik der Verrätertheorie, die sich als Gewaltspirale entpuppt. Denn auch nach einem Irakkrieg gibt es keinen Grund für die Annahme, dass als Konsequenz der Weltfrieden ausbricht.

Wenn aber die Verrätertheorie selbst nach den eigenen Maßstäben nicht funktioniert, welches Denken ist dann angebracht? Eine wichtige Rolle spielt die gesellschaftliche Umgebung des Verrats: Bush hatte - außer in der Gewaltfrage! - Recht damit, nicht nur die Terroristen zu meinen, sondern auch die, die ihnen Unterschlupf gewähren. In all diesen Fällen sind die Umgebung und die Öffentlichkeit wirksame Kontrollinstanzen, um Gewalttätern und Verbrechern die soziale Basis zu entziehen.

Wenn sich zwei Menschen in der Wüste begegnen und keine anderen Gesetze herrschen als die des Lebens, dann ist es sicherlich angebracht, eine Portion Misstrauen als Schutz zu haben. Was allerdings die westlichen und auch die östlichen Kulturen angeht, so liegt die Verrätertheorie auch im schlechten Gewissen begründet. Die Länder erinnern sich daran, wie sie andere Völker in einer Art behandelt haben, in der sie selbst nie behandelt werden wollen. Eine wirkliche Überwindung der Verrätertheorie kann geschehen, wenn die Länder der Welt sich auf eine gemeinsame Weltgeschichte einigen können und damit die gemeinsamen Werte finden, von deren Existenz ich überzeugt bin, und die es nur zu diskutieren und zu formulieren gilt.

Dass die, die heute am Lautesten die Massenvernichtungswaffen bei anderen kritisieren, selbst am meisten von diesen Waffen haben, ist offensichtlich. Über die Verrätertheorie lässt sich abschließend sagen, dass sie vornehmlich von solchen Gruppen ins Gespräch gebracht wird, die erkennen, dass sie selbst zu solch einem Verrat in der Lage sind, und die sich also nicht vor dem anderen, sondern vor sich selbst fürchten.


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The Traitor Theory
Anis Hamadeh, January 18, 2003

The traitor theroy says that a single "black sheep" in a group is sufficient to disturb the peace in the group and to thus bring a policy of peaceful means to a limit. A good example is the policy of deterrence which was prevailing in the so-called Cold War. The argument was about the newly introduced factor of the atomic bomb and, in consequence, the overkill. The underlying logic was: if one of the chiefs presses the red button he will be a traitor of peace. There is only the one way to stop him of possessing a red button ourselves. Were there no potential traitors we have to be protected from, we would not need or have the bomb ourselves, such is the line of argumentation.

Not only in the question of the application of violence the traitor theory plays a fundamental role, but in many other domains of life, as well. Next to the argument: "I have to protect myself from the traitor" there is the even more spread argument of the inevitability of the treason: "If I don't commit the treason, somebody else will." The people who clone humans use it, for example, to divert the attention from their deeds. Apparently independent of moral reasoning they refer to the mere scientific possibility of such a project. It is possible, so somebody will do it. And if somebody will do it anyway, then I can do it just as well.

Slightly modified or more precisely, respectively, this topos sounds like this: There is the possibility of making profit with it, so somebody will do it. And if somebody will do it anyway, then I can do it just as well. The possible treason inherent to these actions, is being escaped. This means e.g. that, if there is a market for stolen cars there will be people who try to defend themselves with such a line of argumentation, when they steal cars or receive stolen cars.

The traitor theory has been problematic until today. Its misuse on several social levels is known, its efficiency and coherence is doubted by many, and yet people successfully take it as an argument over and over again. The main criticizm of the traitor theory of the black sheep is that it is fear-oriented and producing fear itself. Often, it is based on notorious suspicion and the lacking readiness to see the situation of others. Wishes for domination and exploitation can be covered with it. And all in all, it is very doubtful that a policy, which follows the traitor theory, functions and can function at all. Consider that the deterrence policy of the super powers after 1945 had been a Cold War and not a Warm Peace.

Neither is the factor of self-protection really convincing. Are the Americans better protected today than they were on September 11? I dare doubt that. The Israelis, too, use this clichè and say: as long as there is the possibility of traitors among the Palestinians (all the Palestinians, not only the officials), we will have to exert violence on the group. Similar in the fight against terror: by reason of the existance of traitors outside we adjust our lives for them and justify a repressive and controlling policy in both domestic and foreign affairs. Russia joined in, in order to act undisturbedly in Chechenia; India and Pakistan take the chance of general use of violence to reach new borders, and North Corea does not want to stand apart, either. The threat of a war against Iraq follows the very same logic of the traitor theory which turns out to be a spiral of violence. For even after a war against Iraq there is no reason for the assumption that a world peace will break out as a consequence.

But if the traitor theory does not work even according to its own standards, what kind of thinking is appropriate? An important role plays the social surroundings of the treason: Bush was - except in the question of violence! - right in addressing not only the terrorists, but also those who harbor them. In all these cases the surroundings and the public are effective controlling powers to take away the social basis of violent perpetrators and criminals.

When two people meet in the desert where there are no other laws than the laws of life, then it surely is adequate to protect oneself with an amount of suspicion. But concerning the western and also the eastern countries, the traitor theory is also grounded in a bad conscience. The countries remember having treated other peoples in a way they never want to be treated themselves. A real mastering of the traitor theory can happen, when the countries of the world agree on a common world history and thus to find the common values the existance of which I am convinced of, and which only have to be discussed and formulated.

It is obvious that those, who today are the loudest to criticize weapons of mass destruction in others, own most of these weapons themselves. So what can be said about the traitor theory in summary is that it is brought into the discussion mostly by such groups who recognize to be in the position of committing such a treason themselves and which thus are not afraid of others, but of themselves.
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