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Neue Blätter (10)

Über Politikverdrossenheit
Anis Hamadeh, 17.01.2003
(English Version)

Seit einigen Jahren oder Jahrzehnten spricht man in Deutschland über die "Politikverdrossenheit" der Bevölkerung. Dieses Phänomen, da sind sich Presse und Politiker einig, zieht sich durch verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten und kommt vor allem bei jungen Menschen gut an. Man könne niemandem trauen und glauben, ist die häufigste Begründung für diese Verdrossenheit, "Das bringt sowieso alles nichts" die zweithäufigste. Allerdings ist "Politik" ein abstrakter Begriff. Manche verstehen darunter eher die Verteilung von Geldern und Posten, andere sehen darin ein Parteiengerangel, noch andere den Wettbewerb und die Umsetzung von Ideen. Was ist das für eine Verdrossenheit und worauf bezieht sie sich?

Dass die Deutschen ein Volk von Unzufriedenen sind, ist bekannt, und darüber zu schreiben, provoziert kaum. Verdrossenheit steht auf der deutschen Tagesordnung, ist gewissermaßen normal. Und es betrifft nicht einmal Deutschland allein, sondern ist ein Phänomen der Zeit. So tief ins Mark reicht es, dass man es eine Bindungsverdrossenheit, eine Meinungs- und Konfliktverdrossenheit, ja eine Identitätsverdrossenheit nennen kann. Auf dieser erdnahen Ebene bewegt sich diese Stimmung, und von hier aus gelangt sie in die Politik.

Die hier vertretene These lautet, dass die Wurzel der allgemeinen Verdrossenheit eine negative Grundeinstellung gegenüber I d e n t i t ä t e n ist. Der bloßen Identität einer Person oder Gruppe oder sonstigem wird routinemäßig misstraut. Wie die Xenophobie, die grundsätzliche Ablehnung des anderen, gibt es in der Gesellschaft auch eine Ablehnung des Eigenen, des Individuellen. Latent wird der Identität vorgeworfen, dass sie gegen andere Identitäten gerichtet ist. Das ist die Kehrseite der Konsensgesellschaft.

Zum Teil ist ein solches Denken durch unser Regierungssystem bereits vorgegeben. Unser parlamentarisches System basiert unter anderem auf einer Rollenverteilung von Regierung und Opposition. Die einen regieren, die anderen reagieren, kontrollieren, bringen Alternativen und... sind dagegen. Diese Rollenvorgabe aus dem Zentrum des öffentlichen Lebens setzt sich in der Presse und in vielen anderen Gruppen fort. Der Regierungs-Oppositions-Gedanke strukturiert unser Denken. Dies hat durchaus eine Berechtigung, denn die Regierungsformen, die wir früher hatten, taugten nicht viel. Die Gefahr eines solchen Rollendenkens ist jedoch, Identitäten nicht an den Eigenkriterien zu messen, sondern an ihren Beziehungen zu anderen Identitäten. So wird z.B. ein Pro-Palästinenser schnell als Anti-Israeli oder gar Antisemit eingeschätzt, als würde "palästinensisch" sich einzig über etwas außerhalb der eigenen Identität Liegendes definieren.

Unsere Gesellschaft ist eine Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft. Auch das ist, genau wie bei Regierung/Opposition, gesund und normal, solange dadurch die Identitäten nicht verzerrt werden. Sonst gäbe es keine Anbieter mehr, sondern nur noch Rivalen, die sich gegenseitig fixieren und ihre Identitäten daraus schöpfen. Sie interessieren sich dann weniger für die Ware oder das Gut, sondern für die Rivalität und den Rivalen. Auch bei den politischen Parteien ist es so: In der einen Partei vermutet man automatisch den Gegner der anderen Partei. Einen potenziellen Konfliktherd vermutet man in einer Partei, allein aufgrund der Tatsache, dass es auch noch andere Parteien gibt. Eine Sache, die sich bewusst von anderen a b g r e n z t. So sieht man auf die Grenzen der Sache, und nicht auf die Sache selbst.

Sei es eine politische Partei, eine ethnische Gruppe, eine Religion oder eine philosophische Richtung, wer sich zu einer Identität bekennt, der hat in unseren Zeiten das nagende Gefühl, sich damit g e g e n etwas zu entscheiden. Aha, du bist in der Partei X, also bist du definiert gegen die Partei Y etc. Hier beginnt die Politik- und Meinungsverdrossenheit. Man möchte Konflikte vermeiden, und je ausgeprägter eine Identität ist, desto mehr erscheint sie als gegen etwas anderes gerichtet und damit konfliktanfällig. Deshalb sagen die Leute auch "beneidenswert" anstatt "bewundernswert", weil Identitäten bei uns eine negative Konnotation haben. Folge dieser Entwicklungen ist nicht nur die Verdrossenheit, sondern auch die Vorherrschaft repressiver Gruppen, wie wir es aus vordemokratischen Zeiten und aus Dschungelgebieten kennen.

Auch das durch Profitmaximierung geprägte Verhalten in der Wirtschaft bekommt in einem solchen Klima eine unangemessen große Rolle. Wer nämlich für eine bestimmte Firma arbeitet, wird deshalb nicht gleich der Antihaltung verdächtigt. Man ist ja sozusagen g e z w u n g e n, irgendwo zu arbeiten. Anders ausgedrückt: Man braucht sich nicht mit der Arbeitsstelle zu identifizieren und kann sie entsprechend als identitäts- und bedeutungsfrei ansehen. Es handelt sich insofern nicht um die freie Wahl von Orientierungen oder Zugehörigkeiten, die als potenziell "oppositär" missverstanden werden könnten. Hier hat die Identität nichts mit Verantwortung zu tun.

Ein anderes Identitätsverständnis kann man ansatzweise in der Kunst, im Sport (ohne den Karrierismus und den Hooliganismus) und in der Unterhaltungsbranche erkennen. Aus der Sicht eines Publikums (oder Marktes s.o.) werden Identitäten nicht so dringlich durch Vergleiche und Abgrenzungen bestimmt und eher durch die Eigentümlichkeit und Individualität. Die Strukturen für Neubewertungen der Identitätsfrage sind also gesellschaftlich bereits vorhanden. Dinge ohne Identitäten nämlich mag auch niemand. Das ist das Dilemma der Identitäten: Auf der einen Seite gelten sie als negativer und verdächtiger Wert, auf der anderen Seite werden Individualität und Eigenidentität im öffentlichen Diskurs als wichtig und erstrebenswert erachtet. In diesem Tabu nistet die Identitätsverdrossenheit und die ist die Mutter der Politikverdrossenheit.


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On the Sulkiness About Politics
Anis Hamadeh, January 17, 2003

For a number of years or decades Germany has been talking about the sulkiness about politics ("Politikverdrossenheit") in the population. This phenomenon, as is agreed upon among both the press and the politicians, concerns different age groups and social classes and especially is attracting the youth. Nobody can be trusted and believed, is the most common reason given to explain this sulkiness, "It is all no use, anyway" is the reason ranking at the second place. Yet, "politics" is an abstract concept. Some people take it to rather mean the distribution of money or of posts, others view it as the wrestling between parties, even others as a competition and realization of ideas. What kind of sulkiness is this and what does it refer to?

That the Germans are a people of unsatisfied persons is known and it hardly provokes to write about it. Sulkiness is an everyday occurrence in Germany, it is, in a way, normal. And it does not even concern Germany alone, but is a phenomenon of the times. It cuts to the quick so much that one can call it a sulkiness about social ties, about opinions and conflicts, yes about identities. On this down-to-earth level this mood is situated, and from here it enters politics.

The thesis of the article at hand is that the basis of the general sulkiness is a fundamentally negative attitude towards i d e n t i t i e s. There is a routine suspicion against the mere identity of a person or a group or other things. Similar to xenophobia, the principal rejection of the other, we also find in society a rejection of the peculiar and the individual. Latently, identities are blamed for being against other identities. This is the back side of the consent society.

Partly, the biase of this thinking can be derived from our governmental system. Our parliamentary system bases, among other things, on the distribution of the roles of government and opposition. The first group governs, the other group reacts, controls, brings in alternatives, and... is against. This set of roles right in the center of public life continues in the press and in many other groups. The dichotomy of government/opposition structures our thought. This is not without reason, for the governmental forms we experienced in earlier times did not do very well. Yet the danger of such a distinctive role thinking is that identities are not measured according to their inherent criteria, but according to their relationships to other identities. In this way, e.g. a pro-Palestinian quickly is regarded to be an anti-Israeli or even an anti-Semite, as if "Palestinian" would solely be defined by something outside and beyond the own identity.

Our society is a society of competition. This, too, as with government/opposition, is sane and normal as long as the identities are not distortet. Otherwise we would not have any offerers and suppliers anymore, but only rivals fixing each other and deriving their identities from this action. They will not be too much interested in wares and goods, but in rivalry and in the rival. This holds true also for the political parties: in a party we automatically suspect the opponent of another party. A potential source of conflicts is what we suspect in a party, simply because of the fact that there are other parties around. Something that consciously d e m a r c a t e s from others. Thus the focus is on the borders of a thing and not on the thing itself.

Be it a political party, an ethnic group, a religion, or a philosophical current, whoever takes side for an identity, in our times has the nagging feeling of having decided a g a i n s t something. Ah, you belong to the party x, so you are defined against the party y etc.. Here starts the sulkiness about politics and about opinions. We want to avoid conflicts, and the more distinct an identity is the more it appears to be directed against something and therefore to be conflict-prone. Identities have a negative connotation. Result of this development is not only the sulkiness, but also the hegemony of repressive groups, as we know them from pre-democratic history and from jungle areas.

The behavior of economy, too, which is marked by its principle of profit maximization, in such a climate gains an unadequately big role. For those who work in a company are not instantly suspected of employing an anti-attitude. One, so to speak, is f o r c e d to work somewhere. In other words: one does not have to identify with the working place and can accordingly regard it as free from identity and meaning. In this respect, we are not dealing with the free choice of orientations or relationships which potentially could be misunderstood to be "oppositary". Identity here has nothing to do with responsibility.

There is a different understanding of identities that can to some extend be detected in art, in sports (excluding carrierism and hooliganism), and in the world of entertainmaint. Viewed from the perspective of an audience (or a market s.a.), identities are not so urgently defined by comparisons and demarcations, and more by aspects of peculiarity and individuality. Thus the structures for reevaluations in the identity issue are already provided in society. There is the point that nobody likes things without an identity, either. This is the dilemma of identities: on the one hand they are regarded to be a negative and suspicious value, on the other hand individuality and self-identity in the public discourse are acknowledged to be important and desirable. In this taboo nests the sulkiness about identities which is the mother of the sulkiness about politics.
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