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Neue Blätter (9)

Der Wert des Neuen
Anis Hamadeh, 17.01.2003
(English Version)

Wenn man davon ausgeht, das die Bezeichnungen "links" und "rechts" in der heutigen Politik nicht mehr wirklich mit Inhalten gefüllt sind, sondern sich eher auf traditionelle Lager beziehen, die auf einer Skala eingetragen sind, dann stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien man die Parteien und die politischen Richtungen und Meinungen denn sonst einordnen soll, um sich über sie unterhalten zu können. Man könnte - wie in einem früheren Blatt vorgeschlagen - zwischen denen unterscheiden, die mit Gefühlen umgehen können und denen, die es nicht können. Auf einer Skala zwischen egoistisch und egalitär bis mitfühlend. Ein weiteres sinnvolles Kriterium ist die Einstellung gegenüber Gewalt, von pazifistisch über relativ gewaltfrei und autoritär bis militaristisch.

An irgendetwas muss man die Meinungen ja festmachen können, um sie zu vergleichen und zu bewerten, und dazu gehört auch die Einstellung gegenüber dem Neuen. Man kann heute beispielsweise nicht sagen, dass die "konservative" CDU dem Neuen grundsätzlich skeptisch gegenübersteht und sich immer auf alte Traditionen beruft. Einer der höchsten Würdenträger dieser Partei, Herr Professor Roman Herzog, hat immerhin den legendären "Ruck" erfunden und kämpft bis heute tapfer für dieses Neue. Auch bei der Diskussion im Bundestag über die Rockmusik zeigte sich eine erstaunliche Aufgeschlossenheit gerade aus dem werte-konservativ genannten Spektrum. Eine solche Akzeptanz des Neuen bildet eine Partei für sich und ist an keine Fraktion gebunden.

Ist aber das Neue überhaupt wert, ein Wert zu sein? Da gibt es Leute, die verweisen auf das Sprichwort: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne", und jemand hat es sogar in alle Sprachen übersetzt (auf arabisch: "La jadiida tahta sh-shams"), damit keine Zweifel daran offen bleiben, dass das Neue ein alter Hut ist. Verschafft man sich einen Überblick über das Schrifttum der Welt, mag man nichts mehr schreiben. Besonders in der Philosophie. Bevor man das alles rezipiert hat, hat man schon genug von der Sache und wendet sich anderem zu. Alles hats schon mal gegeben und wird zum Abklatsch, zur Mode oder zum Fragment. Ich glaube, diese Einstellung gab es bereits in der Antike.

Genützt hat es nichts. Es hat immer wieder Neues gegeben, und die Frage nach dem Neuen war stets aktuell und gesellschaftsverändernd. Präzise gesagt gibt es sogar tendenziell immer mehr Neues, weil es neue Medien gibt und mehr Stimmen, die sich öffentlich äußern. Es gibt heute überaus viel mehr Wissenschaftler und selbst Künstler auf der Welt als je zuvor, und sie alle beschäftigen sich per definitionem mit Neuem.

Mit dem "Neuen" verhält es sich genau wie mit dem "anderen", beide sind zunächst einmal dadurch definiert, dass sie zuvor unbekannt waren und jetzt ins Bewusstsein treten. "Überraschung" ist ein ähnlicher Begriff, manche mögen es prinzipiell, manche prinzipiell nicht. "Veränderung" ist auch so ein Wort, und "Kreativität" und "Glaube" im Grunde auch. Begriffe, die per se keine Bewertung zulassen. Woher soll ich wissen, ob ein neues Musikstück gut ist, bevor ich es höre, oder ob jemandes Glaube akzeptabel ist, welche "Veränderung", "Kreativität" etc. gemeint ist und was sich hinter all diesem Neuen verbirgt?

Das Neue ist insofern kein Wert an sich, sondern eine potenzielle Botschaft, die zu entschlüsseln ich nur in der Lage bin, wenn ich erstens die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mitbringe, ich mich also auf dieses Neue einlasse und wenn ich zweitens ein vorhandes Set von Werten vorweisen kann, an dem ich meine Beurteilung ausrichte und vornehme. Die erfolgreiche Konfrontation mit dem Neuen setzt also Werte voraus. Und bei den Leuten, die sich vor diesen Voraussetzungen sträuben, findet man das Es-gibt-nichts-Neues-Argument als bloße Ausrede. So können sich oft auch die guten und nützlichen unter den neuen Dingen erst dann durchsetzen, wenn ein paar hunderttausend andere Leute darüber geredet und geschrieben haben. Und das dauert.

Wenn ein Amerikaner im Fernsehen einen Film sieht, der fünf Jahre alt ist, dann schaltet er meist weiter. In Deutschland ist das irgendwie anders. Wir sind es gewohnt, dass Dinge erst einmal woanders passieren, bevor sie uns in abgeschwächter Form erreichen. Die Amerikaner sind dem Neuen gegenüber aufgeschlossener als die Deutschen, denn anders könnten sie keine Moden kreieren und keine nach vorn gerichteten Tendenzen fördern. Man mag darüber streiten, was "nach vorn" heißen soll (und das scheint gerade mit den US-Amerikanern sinnvoll zu sein), ein wesentliches Charakteristikum für den kulturellen Erfolg der USA im vorigen Jahrhundert jedenfalls war seine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen. Die Amerikaner waren seit den Tagen der Mayflower immer auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst, so wie jedes Land und jede Gruppe. Wir bauen Computer, um unser Gehirn zu verstehen, und wir entwickeln Kulturen, um unsere Identität zu verstehen.

Wer auf der Suche ist, der will das Neue... sehen! Er will es prüfen, um es dann anzunehmen oder nicht. Jede Annahme bedeutet auch eine eigene Veränderung, denn man lässt etwas in sich hinein, dem man ein Stück weit vertrauen muss und das man nicht oder nicht sofort ganz verstehen und kontrollieren kann. Der Suchende sehnt sich nach solchen Bereicherungen, denn wir verändern uns sowieso ständig: "Niemand durchquert zweimal den selben Fluss", denn beim nächsten Mal ist anderes Wasser im Fluss, und man selbst hat sich auch verändert. Das Neue ist also allgegenwärtig und frisch wie ein Brot aus dem Ofen.


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The Value of the New
Anis Hamadeh, January 17, 2003

If we suppose that the labels "right-wing" and "left-wing" are not really filled with much content anymore in politics today, but rather are referring to traditional camps, registered on a scale, then the question appears which the criteria are according to which one should judge upon parties and political directions and opinions, in order to be able to talk about them at all. One could - as proposed in an earlier page - differentiate between those who can deal with feelings and those who cannot. On a scale between egotistic and egalitarian to compassionate. Another meaningful criterion is the attitude towards war, ranging from pacifist over relatively nonviolent and authoritarian up to militaristic.

There are bound to be measures with which opinions can be assessed, in order to compare them and to judge them, and one of these also is the attitude towards the new. Today, you cannot say e.g. that the "conservative" party CDU would principally be sceptical about the new and that it would always cling to old traditions: it was one of the most renowned personalities of this party, Professor Roman Herzog, who invented the famous "jolt" ("Ruck") which is supposed to go through Germany, and he has bravely been fighting for this new thing until today. In the parliamentary discussion about rock music, too, a suprising acceptance showed especially from the so-called value conservative spectrum. Such an acceptance of the new builds up a party in its own right, independent of the parliamentary parties.

But is the new worth to be a value, at all? There are people who refer to the saying: "There is nothing new under the sun", and somebody has even translated it into all the languages (in Arabic: "La jadiida tahta sh-shams"), so that there won't be any doubt about that the new is an old bonnet. If you get yourself an overview of the history of human scripts and writings you can easily be deterred of writing something yourself. Especially in philosophy. Before you have seen all those books you already have enough of the whole thing and turn to do something else. Everything has been there before and becomes a mere copy, a fashion, or a fragment. I think this attitude has existed even in antiquity.

But it was no use. There has always been the new, and the issue of news has steadily been topical and changing the society. Actually, we have a tendency towards the growth of news, because we have new media and more voices to talk in public. Today we have much more scientists and even artists in the world than ever before, and they all by definition deal with the new.

With the "new" it is like with the "other", both are in the first place defined by the fact that they have been unknown before and now reach the consciousness. "Surprise" is a similar concept, some principally like it, some principally don't. "Change" is another of these words, and "creativity" and "faith", basically also. Concepts which per se don't give room for evaluations. How can I know whether a new piece of music is good before I hear it? And how can I know whether somebody's faith is acceptable, what "change", "creativity" etc. is referred to and what is behind all this new?

In this respect the new is not a value as such, but a potential message which I will only be able to decipher if I firstly have the readiness to confront myself and join this new, and if I secondly have an existing set of values at my disposal for measuring and finding my assessments and judgements. Thus the successful confrontation with the new takes earlier values as presuppositions. And in those people who are inhibited towards those presuppositions we find the argument of "nothing new under the sun" as an excuse. Thus the good and useful bits of the new often are only successful when some hundreds of thousands of other people have talked and written about them. And that takes time.

When an American watches a movie on TV which is five years old, they mostly zap to another channel. In Germany, this is somewhat different. We are used to having things happen elsewhere first, before they reach us in a mild version. The Americans are more promotive of the new than the Germans, otherwise they could not create all those fashions or support progressive tendencies. There may be an argument about what "progressive" means (an argument which seems to make sense especially with the Americans), yet one of the major characteristics of the cultural success of the USA in the past century was its readiness for the new. The Americans since the days of the Mayflower have always been searching. Searching for themselves, like every country or group. We build computers to understand our brains and we develop cultures and civilizations to understand our identities.

The one who is searching wants the new, wants to see the new! Wants to test it to further adopt it or not. Every acceptance also means a change within, because we let something enter our systems, having to trust it to some extend, and not - or not instantly - being able to understand and control it. The one who searches is longing for such enrichments, because we change constantly, anyway: "Nobody crosses the same river twice", for next time there will be other water in the river, and one has changed oneself, too. So the new is omnipresent and fresh like a bread out of the oven.
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