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Neue Blätter (7)

Über Geheimnisse
Anis Hamadeh, 15.01.2003
(English Version)

Wie steht es in der offenen Gesellschaft mit Geheimnissen, inwieweit sind sie gerechtfertigt? Wir wollen zum Beispiel keinen gläsernen Bürger, von dem alle Daten in irgendeiner Maschine gespeichert sind, und keinen Big Brother oder Überwachungsstaat. Normalerweise geht es niemanden etwas an, was ich habe oder tue, und mit wem ich es tue, wenn ich die Gesetze einhalte. Es gibt eine Privatsphäre, die nicht in die Öffentlichkeit gehört und es gibt legitime Betriebsgeheimnisse. Welche Grenzen werden da in der offenen Gesellschaft gezogen, und mit welchen Begründungen?

Das Wort "Geheimnis" stammt von dem im 15ten Jahrhundert aufgekommenen Begriff "geheim", der ursprünglich "zum Heim (Haus) gehörig" bedeutete, mit der Assoziation von "vertraut", wie sie im "Geheimrat" zum Ausdruck kommt. Erst im 16ten Jahrhundert trat laut Duden die Bedeutung "heimlich" hinzu, und es entstanden z.B. "Geheimbünde", Gruppen, die im Verborgenen, im Nicht-Öffentlichen agieren. Solche Gruppen hat es zwar auch schon früher gegeben, doch spiegeln neue Begriffe Veränderungen im Kollektivbewusstsein wider. Es muss ein gesellschaftlicher Grund vorliegen, wenn Begriffe erweitert verwendet werden oder neue Begriffe im Volksmund erscheinen.

Unsere Gesellschaft ist Geheimnissen gegenüber gespalten: Auf der einen Seite hat man ein Recht darauf, aus seinen Lebensumständen ein Geheimnis zu machen. Wenn man über eine Sache nicht sprechen oder Fragen nicht beantworten möchte, dann muss man es im allgemeinen auch nicht. Es wird mit guten Begründungen für freiheitseinschränkend erachtet, wenn es nicht freiwillig und gern geschieht. Durch die Veröffentlichung von internen oder privaten Daten können zum Beispiel unberechtigt Gefühle verletzt oder unnötig Missverständnisse und Zwistigkeiten gefördert werden. Wirtschaftliche und private Nachteile können entstehen, die keine Berechtigung haben.

Auf der anderen Seite gibt es eine Pressefreiheit und einen legitimen Wunsch der Bürger und der Leute nach durchschaubaren Verhältnissen und auch nach einer lebendigen und unzensierten Öffentlichkeit, ist doch die Öffentlichkeit eine der wesentlichen Bestandteile unserer Demokratie. Offenheit ist ein plausibler Wert gegen die Geheimniskrämerei und das Verschweigen einer Sache gilt als Mangel an Wahrhaftigkeit.

Wenn wir die offene Gesellschaft mit dem offenen Kind vergleichen, mag dies für viele Bereiche passend sein, beim Geheimnis allerdings scheinen sich die Wege zu trennen, denn Kinder sind bekanntlich schlecht im Wahren von Geheimnissen. Wenn Eltern ihren Kindern erzählen, wieviel sie verdienen oder welche Probleme sie mit Leuten haben, dann kann es geschehen, dass die es an unpassender Stelle weitererzählen. Der Grund des Geheimnisses liegt dann vielleicht darin, dass man keinen Neid erregen möchte, oder dass man in einer unangenehmen Situation nicht gesehen werden möchte. Oder weil eine Handlung noch nicht abschlossen ist und durch verfrühte Bekanntmachung gestört werden kann. Um nicht zu Vermutungen einzuladen. Oder weil man in einem Entscheidungsprozess ist, in dem man allein bleiben möchte, bis man die Situation selbst verstanden hat. Natürlich gehört auch das schlechte Gewissen als möglicher Grund in diese Kategorie.

Das kultivierte Kind, der mündige Bürger also, braucht Maßstäbe für die Legitimität und Illegitimität von Geheimnissen, um seine Offenheit nicht preisgeben zu müssen und um gleichzeitig in der Lage zu sein, berechtigte Geheimnisse verstehen und damit wahren zu können. Zu jedem Geheimnis gehört eine Situation mit einer Handlung oder einem Zustand, mit Beteiligten und deren Beziehung zueinander, mit Faktoren, die zu der Geheimnissituation geführt haben und mit Folgen für die beiden Fälle der Wahrung und der Preisgabe des Geheimnisses. Aus diesen Elementen besteht die Situation und ihre Analyse führt zur richtigen Bewertung des Geheimnisses.

Der Idealzustand ist der, wo die Gesellschaft möglichst wenig Geheimnisse braucht, denn Geheimnisse trennen die Menschen voneinander, sie fördern Unsicherheiten und Verdacht, und sie binden Energien, die man anderswo einsetzen könnte. Es ist Arbeit, Geheimnisse zu wahren. Es erfordert Aufmerksamkeit und Kontrolle, Dinge, die zum Leben dazu gehören, die aber oft übertrieben werden und eine Eigendynamik bekommen. Insgesamt gibt es in der heutigen Demokratie tendenziell wenig wirklich notwendige Geheimnnisse. Eine angemessene Gesellschaftspolitik ist so angelegt, dass ein möglichst großer öffentlicher Bereich entsteht, an der sich die Gesellschaft orientieren und ausdifferenzieren kann. Ein Bereich allerdings, der nicht gegen die Rechte des Privaten gerichtet ist, sondern der das Private bereichert, der aus dem Leben Konfliktbewältigungsstrategien entwickelt und der die gesellschaftlichen Bindungen und Energien verstärkt. Dass wir in einer solchen Entwicklung sind, beweisen die neuen schnellen Medien und Kommunikationsformen, die immer öfter auch Länder- und sogar Kulturschranken überwinden. Der Begriff der Öffentlichkeit erweitert sich und neben der Frontal-Öffentlichkeit durch Fernsehen, Zeitung und Radio, tritt die (internationale) Basis-Öffentlichkeit durch das Internet. Um diesen neuen Zeiten zu begegnen ist es angebracht, über Begriffe, die mit demokratischer Öffentlichkeit zu tun haben, wie das "Geheimnis", neu nachzudenken.



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On Secrets
Anis Hamadeh, January 15, 2003

What does the open society say about secrets, in how far are they justified? We do not want, for example, the glass transparent citizen whose data all are saved in some machine, and we do not want a Big Brother or controlling state. Normally, it is nobody's business what I have, what I do, and with whom I do it, as long as I respect the laws. There is a private sphere that does not belong into the public and there are legitimate operational secrets. Where are the borders drawn in the open society, and for what reasons?

Let us start with the etymology of the German concept for "secret", "Geheimnis". This word is derived from the adjective "geheim" which is extant since the 15th century and originally means "belonging to the home", with the association of "familiar", as expressed in the title "Geheimrat" (privy councillor). According to the dictionary Duden, it was only in the 16th century that the meaning of "concealed, esoteric, secret" joined in, and we find e.g. "Geheimbuende" (secret societies) in this time, groups which acted secretly, in the nonpublic domain. Such groups had existed before, but newly introduced concepts always mirror changes of the collective consciousness. There must be a social reason, when concepts are augmented or when new concepts appear in common language.

Our society is divided concerning secrets: on the one hand one has a right to make a secret out of the circumstances of one's life. When we don't want to talk about an issue or don't want to answer questions, then normally we don't have to. There are some good reasons for calling it a limitation of freedom, if it is not done voluntarily and with a good feeling. By way of the publication of internal and private data, for example, there is a possibility that feelings are hurt without a right or that misunderstandings or arguments are promoted without necessity. Economic and private disadvantages may generate which have no justification.

On the other hand there is the freedom of the press and a legitimate wish of the citizens for transparent conditions and for a vivid and uncensored public, for the public is one of the major constituents of our democracy. Openness is a plausible value against secrecy and it is regarded a lack of veracity if people pass over things in silence.

If we compare the open society with the open child, then this may be adequate for many domains. Concerning the secret, however, the parallels seem to be at an end, as we know that children are bad in keeping secrets. When parents tell their children how much they earn or what problems they have with people, it may happen that the children tell it to others in a wrong way. Maybe the reason of the secret is to avoid envy or the wish to not be seen in a certain uncomfortable situation. Or because a process has not been accomplished yet and could be disturbed by a communication that is too early. To prevent suspicions. Or because one is in a process of decision making wishing to be alone, until the situation has become clear to oneself first. Of course, the bad conscience also belongs to the possible reasons of this category.

The cultivated child, i.e. the responsible citizen, needs measures for the legitimacy and illegitimacy of secrets in order to not currupt his or her openness and, at the same time, to be in the position of understanding justified secrets and thus of keeping them. To each secret belongs a situation with an action or a state, with participants and their internal relations, with factors that had led to the secret situation, and with effects for both cases the keeping and the breaking of the secret. These elements constitute the situation and its analysis leads to the proper evaluation of the secret.

The ideal condition is reached when the society needs only few secrets, for secrets separate people and promote uncertainties and suspicion, and they consume energy which could be used elsewhere. It is work to keep a secret. It needs attention and control, things that surely belong to life, but often are exaggerated and self-propelling. All in all, in today's democracy we have only few really necessary secrets. An adequate social policy favors a public sector which is as large as possible, so that the society can take it as a point of reference and orientation to find fitting shapes and a pluralistic collective identity. This public sector is not meant to be directed against the rights of privacy, but to enrich the private sphere and develop strategies of conflict mastering out of life, and to strengthen the social ties and energies. We are in such a development and the new fast media and forms of communication, which more and more cross geographic and even cultural boundaries, are proving this. The concept of the public is augmenting and now includes an (international) root public ("Basis-Oeffentlichkeit") with the internet, next to the frontal public of TV, newspaper, and radio. To approach this new time it is in order to take a look at the concepts connected to the democratic public, like "secret", and to newly assess and evaluate them.
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