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Neue Blätter (6)

Der mündige Bürger
Anis Hamadeh, 14.01.2003
(English Version)

Unter dem Begriff "mündiger Bürger" versteht man einen Menschen, der der Staats- und Gesellschaftsform der Demokratie durch seine Bildung und Disposition gewachsen ist. Die Demokratie setzt den mündigen Bürger voraus, den, der weiß, was er tut, wenn er an die Wahlurne geht, den, der informiert ist über die Gesellschaft, in der er lebt, und dessen Handelsmaxime bestenfalls zur Allgemeingültigkeit erhoben werden kann. Jemand, der Argumente abwägen kann und der sich als gleichberechtigter Teil seiner Umwelt sieht. "Mündig" kommt von "Mund", dieser Mensch spricht also verantwortlich und unabhängig für sich selbst. Er oder sie hat eine angemessen fundierte eigene Meinung, woimmer eine vonnöten ist, und wenn nicht, weiß er oder sie, wie man sich solch eine Meinung bildet. Je mündiger die Bürger, desto besser die Regierung und desto demokratischer die Verhältnisse.

Für eine längere Zeit ist der Begriff des "mündigen Bürgers" nicht in Mode gewesen. Das liegt daran, dass er für die Presse und andere Gruppen moralisierend oder belehrend klingt. Immerhin befinden wir uns bekanntermaßen in einer Titanic-Gesellschaft mit Werbeunterbrechungen. Seit den 80ern, in denen das Privatfernsehen aufkam, ist der Anteil an Suggestivbotschaften durch Werbung um ein Vielfaches größer als zuvor schon. Die heutige Werbung ist durch technische Effekte geschickt in der Vermittlung von Stimmungen, und das setzt sich in anderen Kommunikationsformen fort, bis hinein in die Politik, die ebenfalls immer ästhetischere Verpackungen sucht, seien es Talkshows, schwammgriffige Formeln, Corporate Identities, Kleidung und ähnliches. Wer die Presse nach dem mündigen Bürger fragt, wird ausgelacht, und wer die Politiker fragt, bekommt eine nette Antwort, und wird erst ausgelacht, wenn man außer Hörweite ist. Mündiger Bürger? Mach dich doch nicht lächerlich! Wir sind einfach bloß alle Egoisten, das weißt du doch.

Fragen wir zunächst, ob unser System den mündigen Bürger überhaupt ausbildet. Kommt Ihnen das, was im ersten Absatz steht, aus der Familie bekannt vor? Nicht, aha. Aber doch wohl aus der Schule. Auch nicht? Nanu. Woher also sollen die Leute ihren eigenen Mund bekommen? Unser Schulsystem ist durch mehrere Jahrhunderte auf uns gekommen. Wenn auch die körperlichen Züchtigungen und die national-patriotische Erziehung nach 1945 daraus gewichen ist, so ist doch bekannt, dass es eine sehr schwierige Sache ist, Schul- und Hochschulcurricula den Zeiten anzupassen, weil niemand so genau weiß, in welchen Zeiten wir eigentlich leben. Aber selbst das, was man erwarten würde, den k r i t i s c h e n Bürger als Erziehungsresultat, wird nicht ausgebildet. Schon früh im Deutschunterricht lernt man zum Beispiel, dass der Schlussteil eines Aufsatzes für die eigene Meinung und Kritik vorgesehen ist, doch wird das meist so verstanden, dass man hier einen Platz findet, sich über das behandelte Thema zu stellen, nachdem man ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, ganz so, wie die Lehrer (oder Eltern etc.) sich über diese Schüler stellen, nachdem sie ihnen ihre kostbare Aufmerksamkeit gegeben haben. "Mündig" heißt dann: "Ich kann mich selbst durchsetzen." Diese Variante ist zwar eher für Dschungelgebiete geeignet als für Demokratien, sie lässt sich aber beobachten.

Um zu mündiger Bürgerschaft zu kommen, muss man sich entfalten können und seine Grenzen kennen lernen. Erst dann sind die Urteilskraft und die Reife gegeben, um wahrhaftig am demokratischen Prozess mitzuwirken. Dies aber wird den Schülern nicht beigebracht, sie lernen - unabhängig sogar vom Curriculum - ein zweifelhaftes Sozialverhalten, das durch Zwänge und Klassen charakterisiert ist und sich im Berufsleben fortsetzt. Im gesellschaftlichen Diskurs bedeutet die Anstrebung des mündigen Bürgertums die konfliktvertragende, die offene Gesellschaft, mit einer kritischen Kultur. Während Kritik in der letzten Zeit eher als die Kritik interpretiert wurde, die man übt, ist in mündiger Kritik die ebenso wichtig, der man sich stellt.

Gegen eine solche Kultur spricht der vorherrschende Egoismus und Ego-Zentrismus. Warum sollte ich mich einer Kritik stellen, wenn ich es nicht notwendig muss? Um weiterzukommen, ist die Antwort. Jeder Fehler, den ich in mir selbst erkannt und behoben habe, verbessert mich und die Welt. In unserer abstrakten Gesellschaft wird Kritik zu schnell als Angriff auf die Person gewertet, auch weil sie häufig ungeübt daherkommt. Das Argument hat oft aber auch nicht die Kraft, sich gegen andere Formen der Entscheidungsfindung durchzusetzen. Wir sind bestimmter Kritik gegenüber sensibel und wollen sie lieber nicht hören. Stattdessen verzichten wir auf Diskussionen z.B. über den mündigen Bürger und die offene Gesellschaft und sitzen wie blöd auf Tabus.

Das 21ste Jahrhundert wird nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts zu neuen und zeitgemäßen Gesellschaftsphilosophien finden. Im Demokratie-Diskurs geht es darum, die grundlegenden Werte wiederzufinden, Werte, die von keiner Regierung vorgeschrieben wurden, sondern die von mündigen Bürgern einer anderen Zeit stammen, in Leidenschaft formuliert und gegen starke Widerstände durch Ideen, Argumente und Wahlen durchgesetzt. Ein politisches System ist entstanden, das durch regelmäßige Wahlen und andere Errungenschaften dazu in der Lage ist, sich den Zeiten aus sich selbst heraus anzugleichen, ohne dabei die individuellen und gesellschaftlichen Werte, insbesondere den der Freiheit, korrumpieren zu müssen.



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The Responsible Citizen
Anis Hamadeh, January 14, 2003

The concept "responsible citizen" ("muendiger Buerger") describes a person who lives up to the governmental and social form of democracy through his or her education and disposition. Democracy takes the responsible citizen for granted, the one who knows what he or she is doing when going to the voter's box, one who is informed about the society in which he or she lives, and whose maxim of behavior in the best case can be elevated to general validity. Someone who can measure arguments and who sees him- or herself as an equal part of their surroundings. German "muendig" is derived from "Mund", mouth, so this person talks responsibly and independently for him- or herself. They have an adequately well-founded own opinion wherever there is a need for one, and if not, they know how to establish such an opinion. The more responsible the citizens the better the government and the more democratic the conditions.

For a longer period of time the concept of the responsible citizen ("muendiger Buerger") has not been in fashion. This is due to the fact that it sounds moralizing and didactic to the press and to other groups. Consider that we are living in a Titanic society with commercial breaks. Since the 80s, when the private TV started, the amount of suggestive messages via commercials has increased by far. The commercials today can cleverly convey moods and atmospheres with technical effects. This continues in other forms of communication and also enters politics which is always looking for more aesthetic covers, too, be they talkshows, fuzzycatchy formulas, corporate identities, dress-codes etc.. Who asks the press about the responsible citizen will be made fun of and who asks the politicians will receive a friendly reply and only be made fun of when without hearing. Responsible citizen? Don't be ridiculous! We just all are egoists, and you really know that.

Let us first ask whether our system generates the responsible citizen, at all. Does that what you just read in the first paragraph, remind you of your own family? No? But of your school certainly. Neither? Interesting. So where from are people ought to have their own "mouth"? Our school system has come down to us through several centuries. Even if physical punishments and the nationalistic patriotic education has vanished from it after 1945, it is known that it is a very difficult thing to modify a school or highschool curriculum according to the times, because nobody exactly knows what kind of times we really live in. Yet even the minimum expectation we would have, the c r i t i c a l citizen as an educational result, is not given. Early in school, for instance, the students learn in the German class that the final part of an essay is a place for the own opinion and for criticizm, yet this mostly is understood in the way that here the student finds a place to look down on the subject after having granted it so much attention, just like the teachers (or parents etc.) look down on the students after having dedicated so much of their precious time to them. "Responsible" here means: "I can carry my points with others." This variation rather is suitable for jungle areas than for democracies, but they are detectable, as a matter of fact.

In order to reach citizen responsibility we must be able to unfold and to learn our limits. Only then the power for reason and the maturity are given to veraciously participate in the democratic process. Yet this is not what is conveyed to the students. They learn - independently even of the curriculum - a doubtful social behavior which is characterized by pressures and classes and which continues in job life. In the social discourse, the call for a responsible citizenship means the conflict-abiding open society, with a critical culture. Whereas criticizm in the time ago had rather been interpreted to be the criticizm that one utters, in responsible criticizm the one with which one confronts oneself ranks equal.

Contradicting such a culture is the prevailing egoism and ego-centeredness. Why should I confront myself with a criticizm if I don't necessarily have to? In order to develop, is the answer. Every mistake I recognized and corrected in myself, improves me and the world. In our abstract society, criticizm too readily is taken to be an attack on the person, also because it often comes along in an unpractised manner. Another problem is that the argument often does not have the power to succesfully compete with other forms of decision making. We have become sensitive towards certain criticizm and rather don't want to hear about it. Instead, we do without discussions about e.g. the responsible citizen and the open society and sit on taboos like stupid.

The 21st century will - after the experiences of the last century - find to new and contemporary philosophies about society. For the democracy discourse it is time to regain basic values, values which were not prescribed by any government, but made by responsible citizens in another time, formulated in passion and brought to victory against strong opposition by means of ideas, arguments, and elections. A political system has grown which is able to adjust itself to the realities of the times by regular elections and other achievments, without having to corrupt the individual and social values, especially the one of freedom, by these actions.
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