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Neue Blätter (5)

Gewaltloser egalitärer Liberalismus
Anis Hamadeh, 12.01.2003
(English Version)

Der Liberalismus unterscheidet sich dadurch von anderen Strömungen, dass er ein grundsätzlich breiteres politisches Spektrum vertritt, indem er die Freiheit als den höchsten Wert von Individuum und Gesellschaft erkennt. Es steht also kein theoretischer gesellschaftlicher Plan im Vordergrund, ebensowenig wie das bloße Wahren von Identität durch Besitz und Tradition. Die Abgrenzungen von Rechts und Links, mit denen die Rechten und Linken einander definieren, gehen an den Liberalen glatt vorbei. Denn da, wo Individualität gefördert wird, kommen die unterschiedlichsten Leute zusammen. Ein schwer reicher Mensch kann hier ebenso auf seine Freiheit pochen wie ein freigeistiger Künstler und damit den Liberalismus mitbestimmen. Menschen, die etwas mit dem Begriff der Freiheit verbinden, kennen auch die Toleranz und haben bestenfalls sogar ein Out-Group-Verhalten für den zivilisierten Umgang unter Feinden.

Die derzeitig vorrangige Kritik am Liberalismus kommt aus dem linken Lager und bezieht sich auf die neoliberal genannte Tendenz, Unternehmern zu viele Freiheiten zuzugestehen, sodass es weltweit zu undemokratischen wirtschaftlichen, Macht- und Kapital-Ballungen kommt. Und zweifellos wird man bei den Liberalen und in anderen Parteien auch wirklich egoistische Unternehmer finden, denen der Hunger in der Welt egal ist, denn irgendwo müssen solche Egoisten ja sein. Doch gibt es selbst innerhalb des Begriffs "neoliberal" ein weiteres Spektrum unterschiedlicher Meinungen. Wo es jedoch zu undemokratischen Tendenzen in der Welt kommt, wird es aus derselben freiheitlichen Strömung auch Stimmen geben, die dem Ausdruck verleihen, ohne sich von rechtslinkser Ablenkungsrhetorik beeindrucken zu lassen. Insofern ist eine liberale Partei eher ein Mikrokosmos und Spiegel der Gesellschaft als eine andere Partei, da die Freiheit nirgends aus der Mode kommt.

Es gibt im Liberalismus auch einen egalitären Ansatz, einen, der darauf bedacht ist, dass es möglichst wenig Klassenunterschiede in der Gesellschaft gibt, weil wir alle aus einem Holz sind und uns gegenseitig nur dann wirklich respektieren können, wenn wir möglichst von gleich auf gleich miteinander kommunzieren, ohne Gewalt und ohne Dünkel. Die Situation gibt dann die gesellschaftlichen Rollen vor, nicht die Institution. Dazu bedarf es eines funktionierenden Bildungssystems und einer Wertschätzung des Menschen und seiner Individualität. Hier darf niemand ausgegrenzt werden, weil er arm ist, und niemand, weil er reich ist. Es ist vielmehr notwendig, dass die verschiedenen Teile der Gesellschaft einander sehen und sich damit aneinander orientieren können, denn beide wissen, dass auch der andere zum Ganzen gehört. Das kann dem einen ein Ansporn sein und bei dem anderen zu mehr Rücksicht und Solidarität führen. Wenn die Teile einander hingegen nicht sehen können, leidet das Ganze. Das ist die Philosophie der offenen Gesellschaft. Da ist nicht jeder unbedingt der Freund des anderen, aber man kennt sich und kann sich gegenseitig einschätzen.

Ebenso verhält es sich für den egalitären Liberalismus mit anderen Gruppen und Konstellationen als Arm und Reich. Es gilt zum Beispiel auch für die einzelnen Glaubensgruppen und Konfessionen. Um die gesamte Situation politisch zu erfassen, bedarf es der Übersicht über das Spektrum der Gruppe. Nur wenn die Mitglieder einer Gruppe in ihrer Vielfältigkeit untereinander bekannt sind, kann der eine die Freiheit des anderen, seine Befindlichkeiten, Wünsche und Ängste, seine "Zufriedenheitsstruktur" verstehen und damit der Situation gerecht werden.

Der Grundwert des egalitären Liberalismus ist das Menschenrecht, bei dem die Freiheit an erster Stelle steht. Egalitär heißt auch, dass sich alle Staaten und Völker gleichermaßen an die UNO-Resolutionen halten. Zwar gibt es verschiedene Stadien von gesellschaftlichen Kulturen, die jeweils an ihren inhärenten Maßstäben gemessen werden, doch hat Gewaltvermeidung Priorität überall da, wo Gewalt die Freiheit verletzt. Eine Reformierung der UNO als Weltpolizei ist daher anzustreben. Im Afghanistankonflikt im Anschluss an den Elften September hätte niemand etwas gegen konzentrierte, der aggressiven Initiative der al-Qaida angemessene, UNO-Polizeiaktionen gehabt, Ziviltote und Schäden gegen Unbeteiligte, verursacht von einem emotionalisierten Staat, sind hingegen nicht hinnehmbar.

Die Kurve der Zivilisation zeigt uns eine zunehmende Gewaltkontrolle in den Gesellschaften. Demokratische Rechte (mit ihren Pflichten) wurden vielerorts eingeführt, die Todesstrafe in vielen Ländern abgeschafft, und manche Staaten verzichten inzwischen sogar auf das Militär. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung, eine der Angriffskriege, der Massenvernichtungswaffen, der Unterdrückung von Minderheiten und der abstrakten Bomben. Mit Freiheit oder Individualismus hat das nichts zu tun.

Die Liberalen können heute zeigen, dass keine andere Partei besser dazu in der Lage ist, sich an Situationen zu orientieren, statt an Reglementierungen, und eine Eigenidentität als Miniatur der Gesellschaft auszubilden. Eine Partei, die durch interne Diskussionsbereitschaft und Konfliktbewältigung kreativer ist, mehr Energie hat und schneller zu den richtigen Entscheidungen gelangt als solche, die ihr Profil wesentlich dadurch erhalten, dass sie sich an einer konkurrierenden Partei spiegeln.



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Nonviolent Egalitarian Liberalism
Anis Hamadeh, January 12, 2003

Liberalism is different from other currents in that it principally represents a wider political spectrum by realizing liberty to be the highest value of the individual and the society. Thus there neither is a theoretical plan for society in the foreground, nor the mere preservation of identity through property and tradition. The demarcations of right-wing and left-wing, with which right-wingers and left-wingers define each other, do not touch the liberals. For there where individuality is promoted the most different people get together. A heavily rich person can here rely on his or her freedom just as a free-minded artist can, and together they define what liberalism is. There is tolerance known to people who relate to the concept of liberty, and in the best case they even have an out-group behavior for the civilized intercourse among enemies.

The currently highest-ranking criticizm against liberalism comes from the left-wing camp and refers to the so-called neoliberal tendency to grant entrepreneurs too many liberties in a way that globally leads to undemocratic economic monopolies, as well as monopolies of power and of capital. And beyond doubt you will actually find such egotistic entrepreneurs, who do not care for the famines in the world, among the liberals and other parties, for there has to be some place where such egoists are. But even under the term "neoliberal" there is a wider spectrum of varying opinions. Where, however, undemocratic tendencies in the world are concerned, there you will find voices out of the same liberal current expressing themselves, without being impressed by the distracting rhetorics of rightists or leftists. In this respect, a liberal party rather is like a micro-cosmos and a mirror of society, more so than other parties, because freedom nowhere comes out of fashion.

There also is an egalitarian approach of liberalism, one that is interested in having as few class differences as possible in the society, because we all are made the same and we are only able to really respect each other, when we communicate with each other from equal to equal, as far as possible, without violence and and without self-conceit. It is the situation then, which creates the roles in society, and not the institution. For this, a functioning educational system is necessary and an appreciation of the human and his or her individuality. Here, nobody may be marginalized for their being poor or their being rich. It is rather necessary that the diverse parts of the society can see each other and thus be able to serve each other as points of orientation, because both know that the other belongs to the whole, too. This can be an encouragement for the poor who wants to be like the rich, and it can lead to more consideration and solidarity from the rich to the poor. If, on the other hand, the parts cannot see each other, it will be at the expense of the whole. This is the philosophy of the open society. In it, people not necessarily are each others friends, but they know each other and can assess each other.

Likewise, egalitarian liberalism deals with groups and constellations other than the poor and the rich, like the individual religious groups and confessions. In order to politically understand the whole situation an overview of the spectrum of the respective group is needed. Only when the members of a group are known to each other in their diversity they can truly understand the liberty of the other and his or her circumstances, wishes and fears, and their "contentment structures", and thus they can do justice to the situation.

The basic value of egalitarian liberalism is the human right, in which freedom ranks highest. Egalitarian also means that all the states and peoples comply with the UN resolutions to the same extend. It is true that there are different phases through which civilizations develop, and the civilizations have to be measured by their inherent norms. And yet the avoidance of violence has priority in every place where violence is injuring freedom. A reform of the UN as a world police is thus to be supported. In the Afghanistan conflict right after September 11 nobody would have voted against concentrated UN police actions, appropriate to the aggressive initiative of al-Qaida, but civilian deads and damages to unconcerned people, triggered by an emotionalized state, are not tolerable.

The course of civilization shows us an increasing control of violence in the societies. Democratic rights (with their duties) were introduced in many places, the death penalty abolished in many countries, and some states by now even do without any military. Yet there is a counter-movement, one of initiative wars, of weapons of mass destruction, of oppression of minorities and of abstract bombs. This has nothing to do with liberty or with individualism.

The liberals today can show that there is no other party more enabled to take situations as their orientations, and not regulations, and develop a self-identity as a miniature of society. A party which, due to the internal openness for discussion and conflict management, is more creative, more energetic, and faster in finding the right decisions than parties which derive their profiles to a wide extend from comparing themselves with a competing party.
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