home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   neue blätter

Neue Blätter (4)

E-Musik und U-Musik
Anis Hamadeh, 12.01.2003

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 18.01.02 erklärt der 80-jährige Komponist Hans Ulrich Engelmann anlässlich einer Uraufführung auf die Frage nach dem Einfluss des Jazz in der Kunstmusik: "Bei den jüngeren Komponistengenerationen habe ich das Gefühl, dass - dann eher unter dem Stichwort Crossover als Jazz - diese Unterscheidung von E und U, wie ihn die GEMA so streng aufgelistet hat, keine so große Rolle mehr spielt. Das ist eine Vision von mir: Dass diese Musikbereiche wieder eins werden, so wie es ganz früher einmal war. Dieses Lagerdenken, wie es ja eigentlich erst seit der Romantik vorherrscht, habe ich zumindest immer versucht, zu verhindern."

Diese Vision hat eine Zukunft, denn die Unterscheidung zwischen E-Musik ("Ernster Musik") und U-Musik ("Unterhaltungsmusik") wird zunehmend in Frage gestellt. Nach der Neufassung der Gebührenordnung der GEMA Abschnitt XII können elektroakustische Werke, überwiegend elektronisch erzeugte Musik, Musique concrète, sowie Pop-, Jazz- und Rockmusik, soweit diese auf Antrag eines Bezugsberechtigten unter gleichzeitiger Vorlage eines Belegexemplars vom Werkausschuß in dieser Weise eingestuft worden ist, aufgrund der kompositorischen und realisationstechnischen Komplexität tariflich hochgestuft werden. Zur Glaubhaftmachung dieser Komplexität muss für jeden Titel eine Kopie auf Tonträger und schriftliche oder graphische Unterlagen dazu geliefert werden, aus dem die Vielschichtigkeit hervorgeht. Zuständig ist Dr. Jürgen Brandhorst vom GEMA-Musikdienst in München. (Quelle: Thomas Gerwin, Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik der TU Berlin, http://gigant.kgw.tu-berlin.de/DegeM/Mitteilungen/Mitteilungen_18/)

Die andere Seite der Medaille zeigte sich z.B. beim Streit der GEMA mit den Drei Tenören, deren Konzerte nach Schiedsspruch des Patentamtes nicht unter die Kategorie "Ernste Musik" fallen (Urteil vom 7.7.1997). Zur Begründung wird der Schauveranstaltungscharakter des Konzertes genannt, der Umfang, die Art der Vermarktung und der Werbung und der Begleitumstände. Bei der E-Musik hingegen stehe der Gedanke der Wahrung der kulturellen Belange, des Musikgenusses und der Musikverbreitung im Vordergrund. Die GEMA begrüßte diese Entscheidung mit dem Hinweis, dass dem Urheber eine angemessene Vergütung an der Nutzung seiner Werke zu geben ist. (GEMA Brief 23, August 1997)

In diesem Streitpunkt von E und U geht es nur vordergründig um die Verteilung von Geldern. Argumente wie "Schauveranstaltungscharakter", "Vermarktung" und "Wahrung kultureller Belange" zeigen, dass es hier um gesellschaftliche Werte geht, die weit über die Musik und sogar über die Kunst hinausgehen und die zu hinterfragen das neue Jahrhundert mit seinen veränderten Verhältnissen verpflichtet ist. Hat sich nicht schon Albrecht Dürer zur Schau gestellt und vermarktet? Ist Bob Dylan U-Musik? Und John Lennon? War Jimi Hendrix' Show Teil seiner Kunst? Wie steht es mit Paul Simon's Graceland-Album, ist das U-Musik oder geht es dort um kulturelle Belange? Oder darf es solche Künstler etwa nur in Amerika geben? - Kunst ist immer auch Unterhaltung, sonst ist sie schlecht, und sie ist immer auch ernst, sonst ist sie auch schlecht. Wer hier den Kunstbegriff spalten will, wirkt so altertümlich wie die Mönche in "Der Name der Rose", die das Lachen verbieten wollten.

Eine Aufhebung der Unterscheidung wird sicherlich nicht dazu führen, dass Goethe kulturell gleichwertig neben Bohlen steht. Die Wahrung der Kultur jedenfalls kann nicht durch Etikettierungen von Juristen geschehen. Totzdem kann und soll man das Kulturerbe schützen. Mit dem Problem des Verlustes von E-Privilegien muss man sich auseinandersetzen, ohne dabei die ursprüngliche gesellschaftliche Funktion der Genres zu vergessen. Wenn etwa Formen wie das Theater und die Oper in früheren Zeiten Funktionen übernommen haben, die im Fernsehzeitalter von anderen Medien oder Trägern erfüllt werden, dann ist es müßig zu versuchen, die Leute tendenziell in vergangene Zustände zurückzulocken, nur um bestimmte Formen künstlich am Leben zu erhalten, die dann wichtiger als die Inhalte werden.

Die Argumente der E/U-Anhänger sind insgesamt nicht kohärent und nicht sinnvoll. Die Gesellschaft und die Kunst können sich nur aus sich selbst heraus natürlich entwickeln, nicht durch Reglementierungen von Geldverwaltern oder anderen Gutmeinenden. Da wird einem Musiker gesagt, dass er sich nicht zur Schau stellen und dass er nur bestimmte Arten von Werbung und Vermarktung verwenden darf, sonst sei er von vornherein zweitklassig. Als hätte das irgendetwas mit der Musik zu tun! Es ist kein Problem, seltene Instrumente oder beliebte Traditionen zu fördern und zu pflegen, doch muss dabei klar sein, dass es im 21. Jahrhundert keine Klassenunterschiede mehr zwischen einer E-Gitarre und einer Violine geben darf und dass die willkürliche Trennung von E und U entmutigend auf viele MusikerInnen wirkt, wenn sie ihre Inspirationen nur in vorgeschriebene Formen gießen dürfen. Vielmehr sollen sich die MusikerInnen, die den Wunsch dazu haben, frei entfalten können, um zu dem Besten zu gelangen, zu dem sie fähig sind. Lasst uns also harmonische und unharmonische Musik haben, alte und neue, erfolgreiche und erfolglose, solche, die die Zeiten überdauert und schnell vergessene, kommerzielle und esoterische, provinzielle und globale, und in all dem gute und schlechte, aber nicht mehr E und U!

Siehe auch das Interview zu E- und U-Musik im Deutschlandfunk vom 09.09.03

Zwei Bambus-Satiren zum Thema:
E-MUSIK
E & U (AGAIN)