home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   neue blätter

Neue Blätter (3)

Über die offene Gesellschaft
Anis Hamadeh, 10.01.2003
(English Version)

Der Pluralismus ist einer der wichtigsten Bestandteile der Demokratie und führt bestenfalls in die offene Gesellschaft. Das ist eine Gesellschaft, in der das Miteinander-Sprechen und das Einander-Verstehen von in Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Wettbewerb stehenden Individuen und Gruppen als friedens- und stabilitätssichernde Werte und als Präventivkräfte bei Konflikten erkannt werden. Die offene Gesellschaft setzt auf das Prinzip der im Grundgesetz verankerten Entfaltung des Menschen als Chance, im Vertrauen darauf, dass eine tolerante und kommunikative Atmosphäre das jeweils Beste in den Menschen weckt. Um eine solche Idee leben zu können, braucht man aktive und wachsame Strategien der Konfliktbewältigung.

Kritiker der offenen Gesellschaft werfen ein, dass die Demokratie nur ein begrenztes Maß an Meinungsvielfalt aushalten kann, da sonst beispielsweise auch notorische Extremisten von ihr profitieren könnten. Etwa auf der Parteien-Ebene. Dieses Argument wird von Politikern und Journalisten gleichermaßen bestätigt, weil es schlüssig klingt. Genauer gesagt: weil es an Ängste appelliert, sich vor Verantwortungen drückt, und daher beim Volk schlüssig ankommt. Die Alternative jedoch heißt: "Bestimmte Tendenzen lassen wir bei uns gar nicht erst hochkommen," und diese Alternative definiert ein ganz neues "Wir", ein sich schwammig abgrenzendes Wir, das aus Gründen der Schwerfälligkeit und Unlust nicht genug Glauben an die Demokratie und die bestehenden Gesetze hat.

Die Furcht, dass in den Deutschen tief drinnen das Böse lauert, das zwangsläufig aufbrechen wird, wenn man eine offene Gesellschaft anstreben würde, wirkt mysteriös und schwach. Es klingt wie: "Wir würden ja gern unsere Kräfte entfalten, aber wir wissen nicht, ob wir sie kontrollieren können, und wer weiß, was für Unheil wir während des Lernprozesses anrichten." Eine solche Einstellung ist latent lernfeindlich, hypersensibel und angstfixiert. Das kann unmöglich die Philosophie des 21. Jahrhunderts sein! Sollen diese notorischen Extremisten doch mal kommen, na und? Was würden sie tun, was sie nicht auch ohne die offene Gesellschaft tun würden? Sind wir vielleicht wehrlos oder in irgendeiner Form unterlegen? Wer gegen die Gesetze verstößt, begeht ein Verbrechen und wird dafür bestraft, so oder so. Dafür haben wir die Gesetze ja gemacht. Alles andere ist Diskursverengung.

Der Notoriker als abstraktes Angstbild wird oft aber auch nur vorgeschoben, um andere Gründe für die Skepsis an der offenen Gesellschaft zu überspielen. Auch das Argument, dass wir doch schon längst in einer offenen Gesellschaft leben würden, beschönigt entweder oder weiß es nicht besser. Das neue, nicht-frontale Medium des Internets zeigt unsere Gesellschaft offen mit all den widersprüchlichen Diskursen, doch es zeigt nicht die offene Gesellschaft. Wie sieht die eigentlich aus?

Betrachten wir, wie Kinder kommunizieren, dann fällt auf, dass sie o f f e n kommunizieren. Wenn sie sich freuen, dann drücken sie es aus, wenn sie unsicher sind oder etwas auf der Seele haben, dann sprechen sie darüber. Dadurch sind sie kalkulierbar, sie zeigen sich, und also kann man sie, ihre Wünsche, ihre Ängste und ihre Handlungen einschätzen. Erwachsen geworden, verstecken sich diese Kinder mehr und mehr und kommunizieren immer weniger offen. Prinzipiell scheint dies nicht von der Zivilisation geboten und sehr übertrieben zu sein. Die Menschen werden schlecht einschätzbar und misstrauen sich daher gegenseitig. Sie kennen sich nicht einmal, unabhängig davon, ob sie sozial und politisch miteinander kompatibel sind oder nicht. Eine allgemeine Konfliktscheu entsteht, und die ist gefährlich, denn sie führt zur autoritären Gesellschaft.

Die Furcht vor der offenen Gesellschaft ist ursprünglich eine Furcht vor dem offenen Kind, das in unserer Gesellschaft fälschlich als etwas Unfertiges und Ungereiftes aufgefasst wird, Dinge, von denen Erwachsene, die den "Ernst des Lebens" kennen, sich distanzieren. Als Schwäche werten sie die Kraft des Kindes, sich offen, kreativ und voller Friedlichkeit von Zweifel- und Schuldgefühlen zu befreien, um sich durch ein gutes Gewissen erfolgreicher entfalten zu können in die Richtung, die seinem jeweiligen Wesen entspricht und der Gesamtheit zu Gute kommt, von der es ein Teil ist. Die offene Gesellschaft orientiert sich nicht an Links und Rechts, sondern unterscheidet zwischen Leuten, die in der Lage sind, mit Gefühlen umzugehen und solchen, die dazu nicht in der Lage sind. Letztere sind es, die die Angstszenarien propagieren, überbewerten und glauben.

Eine geschlossene Gesellschaft kann man daran erkennen, dass man in ihr nicht lernt, mit sich selbst und anderen umzugehen. Sie ist entfremdet und kalt. Viele Situationen sind in ihr unbekannt, und die Leute wissen nicht, wie sie reagieren, entscheiden sollen, weil sie nichts mehr fühlen. Damit fehlen ihnen wichtige Werkzeuge des mündigen Bürgers. Die offene Gesellschaft beginnt in den Familien. Der Generationenkonflikt um den Status des Kindes sitzt tiefer, als die Presse es wahrhaben möchte. Kinder werden nicht ernst genommen. Weil sie kontrollierbar sind, werden sie auch kontrolliert, hier liegt der fundamentale Missgriff der Gesellschaft heute. Sie leugnet den Menschen und seine Freiheit bereits an der Basis. Nur wenn wir das Kind in uns zu kultivieren lernen, erreichen wir die offene Gesellschaft.



  new pages index  


On the Open Society
Anis Hamadeh, January 10, 2003

Pluralism is one of the major ingredients of democracy and leads, in the best case, to the open society. That is a society in which communication and mutual understanding of related, neighboring, or competing groups are recognized to be peace- and stabilization-building values and conflict preventive forces. The open society leans on the constitutional principle of the right of human unfolding and understands it as a chance, trusting in the attitude that a tolerant and communicative atmosphere is promotive of bringing out the respective best in all people. To live such an idea it takes active and vigilant strategies of conflict mastering.

Critics of the open society remark that democracy can only bear a limited amount of pluralism, otherwise notorious extremists or other villains can profit from it. On the level of political parties, for instance. This argument is confirmed by both the politicians and the journalists, because it sounds logical. More precisely: because it appeals to fears and ignores responsibilities, therefore sounding logical for the masses. The alternative, however, is: "We will oppress certain tendencies", and this alternative defines a brandnew concept of "we", a fuzzy-edged we that has not enough faith in democracy and the existing laws for reasons of clumsiness and listlessness.

The fear, that deep inside the Germans there lurks evil, bound to be breaking out as soon as an open society is aimed at, appears mysterious and weak. It sounds like: "We would really like to unfold our powers, but we do not know whether we can control them, and who knows what kinds of bad things we might committ in the course of the learning process." Such an attitude is latently hostile towards learning, it is hyper-sensitive, and fear-fixed. This can by no means be the philosophy of the 21. century! Why, let those notorious extremists come, so what? What would they do that they would not have done without the open society? Are we defenseless or inferior in any respect? People who violate the laws are committing crimes and are punished for it, in any way. This is why we made these laws to begin with. Everything else is a narrowing of the discourse.

Yet the notorious person as an abstract image of fear often is only instrumentalized to cover some other reasons for the the scepticizm towards the open society. So does the argument that we already live in an open society, as it either euphemizes things or ignores them. The new, non-frontal medium of the internet shows our society openly with all its contradicting discourses, but it does not show the open society. What does it look like, anyway?

When we watch the way children communicate we find that they communicate o p e n l y. When they are happy they express it, when they are uncertain or have trouble to talk about, then they talk about it. Through this they are calculable, they show themselves, and thus their wishes and their fears and their actions are assessible. Being grown-up, these children hide more and more and they communicate less and less openly. Principally, this does not seem to be imposed by or expected from civilization, and it seems to be exaggerated. People become hard to assess and therefore they distrust each other. They do not even know the other, independently from their being socially and politically compatible or not. A general aversion against conflicts grows, and this is dangerous, because it leads to the authoritarian society.

The fear of the open society originally is a fear of the open child which in our society wrongly is regarded to be something unaccomplished and unmatured. These are things from which grownups, who experienced the "real life", want to distance themselves. The power of the child to liberate itself from feelings of doubt and of guilt openly, creatively, and full of peacefulness, is evaluated to be a weakness instead of the successful strategy that it is to cultivate a good conscience and thus to unfold and develop into the direction which is suitable for the respective character and which is to the benefit of the whole of which it is a part. The open society does not take left-wing and right-wing as orientations, instead it differentiates between those people who are able to deal with feelings and those who are not. It is the latter group that propagates, overevaluates, and believes the scenarios of fear.

A closed society can be indicated by its absence of strategies to learn handling oneself and others. It is alienated and cold. Many situations are unknown in it, and people do not know how to react and to decide, because they do not feel anything anymore. So they lack important tools of the responsible citizen. The open society begins in the families. The conflict of generations about the status of children is deeper than the press views it to be. Children are not taken seriously. Because they are controllable they are controlled, this is the fundamental mistake of the society today. It denies the human and his freedom at the very basis. Only when we learn to cultivate the child in ourselves we can reach the open society.
                                  up