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Neue Blätter (2)

Über nationale Identitäten
Anis Hamadeh, 09.01.2003
(English Version)

Viele von uns sind der Meinung, dass unser öffentliches Leben sich vereinfachen soll. Es wird gestört von einer komplizierten Bürokratie. Zum Beispiel brauchen wir Anwälte, um unser eigenes Recht zu verstehen. Der Probleme sind mehr: Trotz Multimediawelt verlieren wir die Übersicht. Trotz Intercity und Transrapid dauert es in Deutschland oft viel zu lange, bis wichtige Entscheidungen erkannt und getroffen werden. Und das ist leider nicht alles: Reformstau, Arbeitslosigkeit, Renten, Krankensystem, Börse, Kriegs- und Terrorangst, Pessimismus, PISA. All dies betrifft uns, betrifft Deutschland.

Zu den wesentlichen Voraussetzungen, um diesen und noch anderen Problemen zu begegnen, gehört ein Gemeinsinn. Das ist kein Geheimnis. Die von der Regierung eingesetzten, oft überparteilichen Kommissionen sind ein Beleg dafür, der Begriff "Konsensgesellschaft" ein weiterer. Der derzeitige heftige Streit zwischen der traditionsreichen Arbeiterpartei und den Gewerkschaften ist in gewisser Weise ein Familienstreit. Auch angesichts der Verähnlichung der demokratischen Parteien scheint es, als wolle man eigentlich schon miteinander reden und gemeinsam die Dinge angehen, nur irgendwie funktioniert es nicht. Es herrscht zu viel Misstrauen mit der destruktiven Folge von Egoismus (Geiz ist geil, Firma Saturn) und Isolationismus.

Das Problem ist, dass der Appell an den Gemeinsinn der Deutschen ein wesentlicher Bestandteil der Nazi-Propaganda war. Er führte zum Zweiten Weltkrieg und zur Ermordung der Juden und anderer. Die Nazis haben eine Reihe von Werten in ihr Gegenteil verkehrt. Man denke an "Arbeit macht frei" oder "Kraft durch Freude". Ohne die Nazis würde niemand einen Grund haben, daran Anstoß zu nehmen. Seit 1945 steckt ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber dem Gemeinsinn in den Deutschen, das bis in die Familien hineinreicht. Es hat Namen wie Nationalismus, Patriotismus, Vaterlandsliebe und Heimatgefühl, die alle mehr oder weniger verdächtig klingen. Es sind auch Gegenbewegungen entstanden. Bücher wurden geschrieben und gelesen mit Titeln wie "Nie wieder Heimat", und es klingt wie: "Nie wieder Hitler". Auch die Kirchen haben seither einen schwereren Stand, denn auch sie basieren auf Gemeinsinn.

Die Not schweißt zusammen. Bei den Hochwasserkatastrophen der letzten Monate hat sich gezeigt, dass es viel Hilfsbereitschaft gibt, wenn es hart auf hart kommt. Der Krieg war ja auch so eine Situation. Warum aber muss es immer erst die Not sein, die die Leute zusammenbringt? Wenn wir keine andere Möglichkeit sehen, um den Gemeinsinn zu erfahren, als die Not, dann werden wir unbewusst Notsituationen sogar anstreben, um diesem vorhandenen gesellschaftlichen Wunsch näherzukommen. Die modische Faszination für die Titanic-Geschichte ließe sich so erklären. Was für eine fürchterliche Vorstellung! Gibt es denn keine andere Möglichkeit, droht denn sonst wirklich gleich das totalitäre Regime, selbst heute noch und bei uns?

Wir sind als Deutsche auf der einen Seite in das europäische Projekt eingebunden und gehören zur westlichen, seit 1945 U.S.-amerikanisch geprägten Kultur. Auf der anderen Seite haben wir das historisch gewachsene föderale System mit Kommunen und Gemeinden als kleinsten öffentlichen gesellschaftlichen Einheiten. Dazwischen liegt Deutschland, mit seiner gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte, inklusive Bach und Goethe und inklusive Hitler.

Wenn wir den Gemeinsinn gesellschaftlich nutzen wollen, ohne dabei in die Gefahr des Totalitarismus zu geraten, ist es notwendig, diese nationale Identität, die zu leugnen ebenso sinnlos wie unnötig ist, sinnvoll zu definieren. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man sein Land liebt und ihm etwas gibt, das gehört für viele zur persönlichen Identität. Man kann dennoch z.B. Anti-Militarist sein, das ist eine Frage von Prioritäten. Letztlich geht es darum, woraus eine solche nationale Identität sich speist. Ist es daraus, dass man sich von anderen Ländern oder Völkern und zu deren Lasten abgrenzt, dann ist das abzulehnen. Ist es jedoch daraus, dass ein eigener, positiver Wert gesucht wird, demokratisch und tolerant, um damit dem Reformstau zu begegnen, und um eine Basis des Vertrauens zu erreichen, ohne dabei gegen andere gerichtet zu sein, verantwortlich und in klarem Bewusstsein der Situation anderer Nationen, Länder und Völker, die alle ihre Menschenrechte haben so wie wir, dann ist der Gemeinsinn, der aus dieser Identität entspringt, nicht nur ein konstruktiver und positiver Grundwert, sondern eine wichtige Voraussetzung für die notwendigen Veränderungen, die wir noch nicht genau kennen, die in den Nachrichten und in der Politik aber bereits zur Tatsache erklärt werden.

Die Identifikation mit dem Land, in dem man lebt, ist normal und gesund, die Selbstverleugnung ungesund. Das gilt für alle Gruppen mit gemeinsamer Geschichte, Sprache und Kultur gleich. Oder wollen wir uns ausgerechnet von Hitler vorschreiben lassen, was wir Deutschland gegenüber fühlen oder nicht fühlen sollen? Das wäre doch verdreht, pervers. Landesbezogener Gemeinsinn ist die Grundlage zur Lösung landesbezogener Probleme.



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On National Identities
Anis Hamadeh, January 09, 2003

Many of us are of the opinion that our public life should be simplified. It is disturbed by a complicated bureaucracy. We need, for examples, solicitors in order to understand our own rights. There are more problems: despite a multimedia world we are losing the overview. Despite Intercity and Transrapid it often takes much too much time in Germany until important decisions are recognized and made. And this, sadly, is not all: reform jam, unemployment, pensions, health system, stock market, fear of war and terror, pessimism, PISA. All this concerns us, concerns Germany.

To the fundamental presuppositions for dealing with these and even other problems, belongs a public spirit. This is not a secret. The often non-factious commissions, which the government install, are an indication for this, as is the concept of the "society of consensus" ("Konsensgesellschaft"). The current severe fight between the tradition-rich labors' party (i.e. the SPD) and the unions in a way is a sort of family trouble. In view of the similarization of the democratic parties, too, it seems as if people would like to talk with each other und together find the best solutions, only that for some reason it does not really work. There is too much suspicion with the destructive effect of selfishness (slogan "greediness is cool" "Geiz ist geil", company "Saturn") and isolationism.

The problem is that the call for a public spirit of the Germans had been a major factor of the Nazi propaganda. It led to World War II and the murder of the Jews and of others. There are a whole lot of values that were perverted into their opposites by the Nazis. Mottos like "Work frees (Arbeit macht frei)" or "Power through joy (Kraft durch Freude)". Without the Nazis, nobody would have a reason to take offense of such mottos. Since 1945, there is a deeply rooted distrust towards the public spirit in the Germans, reaching even the level of the families. It has names like nationalism, patriotism, "Vaterlandsliebe" (love of the fatherland) and "Heimatgefuehl" (homeland feeling), and they all sound moreorless suspicious. We also find counter-movements. Books were written and read with titles like "Nie wieder Heimat" (Never again a homeland), and it sounds like: "Never again Hitler". The churches, too, have a more difficult stand since, because they, too, base on a public spirit.

Emergency welds people together. During the flood catastrophes of the last months a lot of solidarity could be observed when the going got tough. The war was a similar kind of situation. But why does there always have to be an emergency before people get together? If it is true that we see no other possibility of experiencing the public spirit other than emergencies, then we will subconsciously even provoke emergency situations, in order to reach nearer to this existant wish of society. The fashionable fascination for the story of the Titanic could be an explanation for this. What a terrible idea! Is there really no other way, is there really the immediate menace of the totalitarian regime otherwise, even today and here?

As Germans, we are on the one hand embedded in the European project and belong to the western, and since 1945 US American influenced culture. On the other hand, we have the historically grown federal system with communities and municipalities as the smallest public social units. In between is Germany, with its language, culture, and history, including Bach and Goethe and including Hitler.

If we want to facilitate the public spirit for the sake of society without getting into the danger of totalitarialism it is necessary to meaningfully define this national identity and not to deny it, which is as useless as it is needless. There is nothing to object, if somebody loves his or her country and works for it. For many people this belongs to the personal identity. They can still be e.g. anti-militarists, this is a matter of priorities. In the end, the point is what feeds such a national identity. If it is the demarcation from other countries or peoples and at their expense, then it has to be rejected. But if it is the search for an own, positive value, democratic and tolerant, in order to meet the reform jam and to reach a basis of trust, without being directed against others, responsible and in full awareness of the situations of other nations, countries, and peoples, who all have their human right like us, then the public spirit, which springs from this identity, is not only a constructive and positive fundamental value, but also an essential presupposition for the necessary changes, which we cannot know exactly yet, but which are declared to be facts in the news and in politics already.

To identify with the country in which one lives is a normal and sane thing, it is the denial that is insane. This holds true to the same amount for all groups with a shared history, language, and culture. Or do we want to let Hitler tell us what we ought to feel or not feel for Germany? This would be twisted and perverted. A country-related public spirit is the basis for the solution of country-related problems.
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