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Neue Blätter (1)

Wachstum und Freiheit
Anis Hamadeh, 09.01.2003
(English Version)

Der Begriff "Wachstum" begegnet uns auf Schritt und Tritt. In fast jeder Nachrichtensendung gibt es Wachstumsprognosen und alle bangen um das Wirtschaftswachstum. Wachstum ist nicht nur einer der Eckpfeiler unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, sondern es verbirgt sich dahinter auch eine der wichtigsten Metaphern, die unser tägliches Denken strukturieren. Schauen wir uns diese Vorstellung vom Wachstum etwas genauer an:

Die Kollektivmetapher des Wachstums ist aus der Wirtschaft in den gesellschaftlichen Diskurs gekommen, beginnend vielleicht vor 150 Jahren mit der Industrialisierung. Würde die Presse sagen: "Ach, lasst doch diese Wirtschaftsleute mit ihrem Wachstum, wir reden lieber von etwas anderem", dann hätten wir solche Ängste nicht bzw. nicht so stark. Aber hat die Wirtschaft und hat die Börse denn Unrecht mit ihren Wachstumsängsten? Jein. Lassen wir an dieser Stelle die moralische Seite der Macht und des Hungers in der Welt außen vor und bleiben wir bei dem Begriff. "Wachstum" wird hauptsächlich mit Positivem assoziiert, nicht nur in der Welt der Wirtschaft, auch bei Lernprozessen und auch im Glauben, bei Bindungen und in der Kreativität. Es scheint nicht übertrieben, darauf hinzuweisen, dass unsere Wachstumsängste psychologisch gesehen all diese Gebiete mitmeinen und zum Teil in die Wirtschaftsdaten hineinprojizieren: Oh Gott, wir wachsen nicht mehr! Oder auch schlicht: 0,2%.

Wieviel hängt an einer Zahl? "0,2%" Was bedeutet das, wie wichtig ist das? Kann wirklich eine einzige Zahl den Zustand von 80 Millionen oder gar von Milliarden Menschen prognostizieren? Sicher kann sie. Wenn alle es glauben, dann kann sie es. Nur vor einem muss man Angst haben, sagte Lao Tse sinngemäß, nämlich vor der Sache, vor der alle Angst haben, welche es auch sei. Später nannte man das eine self-fulfilling prophecy. Sie gilt für Ängste und für Wünsche gleichermaßen.

Doch es steckt mehr hinter dem Wachstum als das Herbeireden eines Angstkalbes. Unserer Wirtschaft geht es tatsächlich nicht gut. Wir haben vier Millionen Arbeitslose und die Sozialsysteme knacken im Gebälk. Positives Denken allein hilft da nicht weiter. Die Deutschen warten auf den Ruck, wie auf einen langersehnten Regen, und fürchten sich dabei vor dem Ungewissen. Selbst die Regierung lebt wie festgeklemmt in einer schmalen Spur von Tag zu Tag und kommt an all den Lobbys nicht vorbei, von denen sie mal hierhin und mal dorthin geschickt wird. In diesem Prozess gerät auch die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Frage ist: Ab wann wird die Freiheit der Gesellschaft und des einzelnen durch unsere Auffassung vom Wachstum und den daraus resultierenden Handlungen eingeschränkt? Ganz Ähnliches gilt für die Begriffe des Wohlstands und des Wettbewerbs.

Ein System, das nur und allein durch materielles Wachstum lebensfähig ist, monopolisiert sich erst und stirbt dann, ähnlich wie ein Stern. Das weiß unsere Wirtschaft und auch die Weltwirtschaft und deshalb suchen alle nach neuen Strukturen. Solche Strukturen beginnen im Kopf. Im 21. Jahrhundert ist der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte an den Grenzen von Ressourcen angelangt. Die Zahl der Erdbewohner, die Kapazität der Märkte, Kommunikation, Transport und Konsum, Boden, Flora und Fauna, all das ist erfasst und perfektioniert. Die Wachstumsmetapher und auch der Wohlstandsbegriff brauchen neue Inhalte, weil sich die Welt und vor allem das Wissen über die Welt verändert hat. Und weil die meisten Menschen, unabhängig von ihrem Besitz, nicht glücklich sind.

Um die Bürokratie zu vereinfachen und das Land nach vorn zu bringen, bedarf es zum Beispiel eines Gemeinsinns, der von unserer Wachstumsmetapher nicht recht erfasst wird. Es besteht bei Arm und Reich ein Bedarf an Glück und auch an Orientierung, auch das fällt aus dem Raster. Selbst Kriege stehen nicht wirklich im Widerspruch zu dieser abstrakten Zahlenphilosophie. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass jemand reich ist, aber was nützt es ihm oder ihr, wenn er nicht glücklich ist, wegen der Schattenseiten dessen, was er unter Wachstum versteht und weil er sich innerlich oft eine andere Art von Wachstum wünscht und insgesamt eine andere Welt als die, in der er lebt?

Gefragt sind in der Wirtschaft heute beispielsweise alternative Metaphern wie die der Nachbarschaft, des Sports und anderer sozialer Urspungsdomänen. Auch im Sport gibt es den Wettbewerb, nicht nur im Kampf. Es geht darum, die fehlenden Ausschnitte der Realität, die sonst außerhalb der Wahrnehmung bleiben, in das Gesamtbild zu integrieren. Wie sich die Harmonisierung der wirtschaftlichen und sozialen Systeme schließlich gestalten wird, ist nicht vorhersehbar. Jedoch können wir nur dann die besten Lösungen finden, wenn wir uns über die Werte und Wünsche im Klaren sind, die unser Denken bestimmen. Sie zeigen sich an Begriffen wie "Wachstum", "Wohlstand" und "Wettbewerb".



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Growth and Freedom
Anis Hamadeh, January 09, 2003

Often in everyday life we come across the concept of "growth". In almost every news broadcast there are economic prognoses and everybody is concerned about the economic growth. Growth is not only one of the pillars of our economic and social systems, but it also constitutes one of the most essential metaphors which structure our daily thought. Let us take a closer look at this understanding of growth:

The collective metaphor of growth has come from the domain of economics into the social discourse, beginning maybe 150 years ago with the industrialization. If the press said: "Well, let these economy people and their growth be, we rather talk about something else", then we would not have such problems, at least, not to this extend. But is the economy and is the stock-market so wrong with their growth fears? Yes and no. Let us at this point leave aside the moral side of power and of the famines in the world and stay with the concept itself. "Growth" generally is associated with positive things, not only in the world of politics, but also in learning processes and in faith, in binding powers and in creativity. It does not seem exaggerated to point to the fact that our fears connected to growth from a psychological point of view co-mean all these mentioned domains and partly are projected into the economic data: oh God, we don't grow anymore! Or in short: 0,2%.

How much depends on a number? "0,2%" What does that mean, how important is that? Is it really possible that a single number can predict the circumstances of 80 million or even billions of people? Of course it can. If everybody believes it, then it can. There is only one thing we have to fear, says Lao Tse accordingly, and this is the thing that everybody fears, no matter what it is. Later this was called a self-fulfilling prophecy. It is valid the same for fears and for wishes.

Yet there is more to growth than conjuring up a calf of fear. Our economy is not well, indeed. We have four million umemployed and the social systems are about to be breaking. Positive thinking will not suffice to change these things. The Germans are waiting for the often cited jolt ("Ruck"), like for a long awaited rain, and at the same time they are afraid of the uncertain. Even the government lives from day to day like caught on a narrow track, unable to escape all the lobbies which send them to and fro. In this process the gap between the poor and the rich widens more and more, too. The question is: where is the point where the freedom of society and of the individual is limited by our understanding of growth and by the actions this causes? It is very similar with the concepts of prosperity and competition.

A system, which lives only and alone through material growth, will monopolize first, and then die, similar to a star. This is known also to our economists and to the world economists and therefore everybody is looking for new structures. Such structures begin in the heads. In the 21st century, man for the first time in history has reached the limits of natural ressources. The numbers of the terrestrial populations, the capacity of the markets, communication, transportation and consume, soil, flora and fauna, all this is registered and brought to perfection. The metaphors of growth and of prosperity need new contents, because the world, and most of all the knowledge about the world, has changed. And because most people, independently from their property, are not happy.

To simplify bureaucracy and to bring the country further it takes, for example, a public spirit, and this is not really covered by our metaphor of growth. There is a need for happiness and also for orientation in the poor and in the rich, and this also is not covered. Even wars do not really stand in contradiction to this abstract philosophy of numbers. There is nothing to object if someone is rich, but what is the use for him or her, if they are not happy, due to the shadow parts of what they understand to be growth and due to their inner wish for a different kind of growth and a different world, altogether, than the one they live in?

Required in business life today are e.g. alternative metaphors like neighborhood, sports, and other social source-domains. There is competition also in sports, not only in struggle. The point is to integrate the lacking cuts and pieces of reality which otherwise stay beyond our perception, into the whole picture. It cannot be predicted how the harmonization of the economic and social systems will manifest itself in the end. And yet we can only find the best solutions, when we are aware of the values and wishes which structure our thought. They show in concepts like "growth", "prosperity", and "competition".
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