Poetry Slam in der Tanzdiele
Wurm im Hirn, Leiche zuhaus
Maulwurfsjagd im
elterlichen Garten. Papa lässt rabiat die Hügel fluten, Mama kocht
heißes Wasser dazu und Softi-Sohnemann Norbert jammert um das arme
Tier. Der Hamburger Autor Jürgen Noltensmeyer (Die Liv Ullmann Show)
besticht bei der Eröffnung dieses dritten Poetry Slams in der Tanzdiele
durch pointierte Aussprache und viel Wortwitz. Aber selbst ein Special
Guest bekommt es schnell zu spüren: Wer langweilt, muss abtreten.
Nach viel Jubel für die erste Story macht sich bei einer weiteren
Tiergeschichte ob ihrer offensichtlichen Verworrenheit Unmut breit
in der gutbesuchten Bar. ,,Stringenz" und ,,Fazit" hallt
es ungeduldig aus den Ecken, der Mann auf den drei Bierkisten wirkt
verunsichert, gibt schließlich auf. Dann ernennt Veranstalterin
und Moderatorin Anke ihre Jury und die Amateure kommen zum Zug.
Ein gewisser Andreas philosophiert über zu wenig Pilze und die Würmer
im Gehirn, er muss leider nach den fünf Minuten gehen. Eine Art
Prediger mit ergrautem Zopf und Namen Richard versucht auf englisch
eindringlich und wild gestikulierend, wirre Visionen von Leichen
im Keller und amerikanischer Realität zu verkaufen.
Anis ist nicht das
erste Mal dabei, sein skurriles Reimgedicht erzählt vom glücklichen
Robert und dem neidischen Vetter Karl, von mit Vasenscherben entfernten
Nasen und dem Glück in der Gummizelle - Fazit: Jubel und Applaus.
Ein Literaturgespräch über das ominöse Buch ,,Die Taubenärgerin"
von Susanne inszeniert (die bräsige Autorin lässt im breiten Norddeutsch
auf verzweifelt-sinnsuchende Fragen einer emsigen Journalistin antworten)
ist erkennbar das nächste Highlight. Niler vermischt zarte Gedichte
über sehnsüchtige Liebe mit solchen über Fußball-Leidenschaft und
Seba, sonst wie Niler als Rapper bei Rundfunk aktiv, rappt sehr
betont selbstkritisch über Männer, Sex und Alkohol. Die Hemmschwelle
beim Publikum ist inzwischen ein Stückchen weiter gesunken, Axel
wird von den Damen mit ,,Ausziehen"-Rufen bedacht, die gute
Britta hat es mit ihrer leise und ernsthaft vorgetragenen ,,Rede
über das Reden" ebenfalls schwer, Moral ist hier halt irgendwie
nicht angesagt. Stefan versucht zum Abschluss, in einem hintergründigen
Gedicht möglichst viele Autorennamen einzubauen, auch eine Kunst
für sich. Aber den Sieg in der abwechslungsreichen Wortschlacht
trug Susanne mit ihren Tauben davon, es folgen Anis und Stefan.
Andreas bekommt als Trostpreis immerhin noch ein sehr wertvolles
Buch geschenkt: ,,Wie ich richtig verhüte."
NIKO WASMUND